Mississippi [1]


Mississippi [1]

Mississippi (nach der Algonkinsprache »Vater der Gewässer«), 1) größter Strom Nordamerikas und mit dem Missouri längster Strom der Erde (6970 km), entsteht, wie Schoolcraft (1832) und Nicollet (1836) feststellten, aus mehreren kleinen Abflüssen der 525 m hohen Moränenhügellandschaft südlich vom Itaskasee (s. d.) im nördlichen Minnesota, unter denen der Nicollet Creek und Elk Creek die namhaftesten sind. Dem Itaskasee, der ihr gemeinsames Sammelbecken ist, entströmt der M. 455 m ü. M. als ein 3,5 m breites und 0,6 m tiefes Flüßchen in nördlicher Richtung, die sich bald in nordöstliche und östliche ändert, wobei er durch Moränenzüge mehrfach zu Seen (zum Bemidjisee, Caßsee und Winnibigoshishsee) gestaut und durch die Abflüsse andrer Seen (des Turtlesees, Leechsees u. a.) verstärkt wird. Mehr und mehr wird er dann gegen SO. und unterhalb seiner Pokegamafälle gegen SW., unterhalb Brainerd wieder gegen SO. abgelenkt, in welcher Richtung er Minneapolis erreicht, bis auf seine Schnellen bei St. Cloud und Little Falls als ruhig fließender, schiffbarer Fluß und im Prairie River, Swan River, Rum River (aus dem Mille Lac), Crow Wing River, Sauk River, Crow River u. a. von beiden Seiten weitere Seenströme aufnehmend. In Minneapolis, 553 km vom Itaskasee und noch 242 m ü. M., bildet er beim Überschreiten einer silurischen Kalksteinschwelle die Anthonyfälle, die mit den angeschlossenen Schnellen 30 m, ohne sie 6 m hoch sind und eine starke Kraftquelle (125,000 Pferdekräfte) für die Industrie bieten, aber die Schiffbarkeit gänzlich unterbrechen. In einer engen Cañonschlucht erreicht er 22 km weiter St. Paul, von wo ab er auf der 3115 km langen Strecke bis zum Mexikanischen Golf ununterbrochen schiffbar ist. 75 km unterhalb St. Paul erweitert er sich zum 40 km langen und 5 km breiten Lake Pepin, in seiner südöstlichen Richtung beharrt er aber bis Clinton (unterhalb Dubuque), und nach einer kurzen südsüdwestlich gerichteten Strecke, auf der er bei Keokuk seine letzten die Schiffahrt erschwerenden (vom Desmoines-Rapids-Kanal umgangenen) Schnellen bildet, im großen ganzen bis zu seiner Vereinigung mit dem Ohio. Er empfängt hier von links den St. Croix, Chippewa, Wisconsin, Rock River, Illinois und Kaskaskia, von rechts den Minnesota, Wapsipinicon, Iowa (mit Red Cedar), Desmoines River und endlich 2072 km oberhalb seiner Mündung und 122 m ü. M. den gewaltigen Missouri (s. die einzelnen Flüsse). Nach seiner Vereinigung mit dem Ohio, 1765 km von der Mündung und 82 m ü. M., fließt er stark gewundenen Laufes durch seine Schwemmlandniederung, die er alljährlich weithin überflutet, bis zu der Gegend, wo ihm 508 km von der Mündung und 2 m ü. M. der Red River zugeht und durch Abzweigung des Atchafalaya Bayou seine Deltateilung beginnt, gegen SSW., um endlich abermals nach SO. einzulenken und sich durch drei Hauptmündungen (den Südwestpaß [1897] mit 41 [früher 45] Proz. der Wassermasse, den Südpaß mit 7 Proz. [1879 mit 11 Proz.], Paß á l'Outre mit 52 [früher 44] Proz.) und eine Anzahl Nebenmündungen (Atchafalaya, Bayou la Fourche, Bayou Plaquemine, Bayou des Allemands etc.) in den Mexikanischen Golf zu ergießen. Vom Paß a l'Outre spalten sich der Nord-, Nordost- und Südostpaß, vom Südpaß der Grand Paß ab. Bei seinen großen Frühjahrsüberschwemmungen, die über 77,000 qkm tief unter Wasser setzen können und die nicht selten in bedrohlicher Weise Monate andauern (1882 von Januar bis Juli), neigt der M. in der Niederung sehr zu Uferzerreißungen (crevasses) und Laufänderungen, vor allem Laufkürzungen (cut-offs), weshalb ihn daselbst zahllose Altwasser (sogen. Ochsenhornseen, ox bow lakes) und Nebenarme (bayous) begleiten, die vielfach mit den Unterläufen der Nebenflüsse verflochten sind. Außer dem Ohio fließen dem untern M. von links namentlich noch zu: der Sunflower, Yazoo und Big Black River, von rechts der Saint Francis, der White River und Arkansas, die sich neuerdings vereinigt haben, der Tenfas River (s. Black River 4) und der Red River (s. d.).

Die Mündungen des Mississippi.
Die Mündungen des Mississippi.

Der Stromlauf des M., der in der Niederung durch die erwähnten cut-offs zahlreiche Änderungen (seit 1790 Kürzungen um 328 km) erfahren hat, mißt vom Itaskasee bis zur Mündung (nach H. Gannett) 3694 km, der Lauf des Missouri-M. (nach Brower) 6790 km, während das Gebiet des M. oberhalb der Vereinigungsstelle beider Ströme 450,000 qkm, das des Missouri 1,370,000 qkm enthält, der Missouri hat also in beiden Hinsichten den entschiedenen Vorrang. Zur mittlern Wasserführung des M., die nach Greenleaf an seiner Mündung auf 18,800 cbm in der Sekunde zu veranschlagen ist, trägt der obere M. aber aus dem nördlichen Moränen- und Seenlande 3350 cbm (17,8 Proz.), der Missouri aus dem westlichen Steppen- und Kordillerenlande nur 2600 cbm (14,2 Proz.) bei, so daß ersterer an der Vereinigungsstelle bei St. Charles doch der stattlichere Strom ist, und sodann ist die Bedeutung des obern M. als Kulturstrom ungleich höher als die des Missouri, da dieser kaum noch als eine Schiffahrtsstraße gelten kann. Der Ohio kommt mit seiner Wasserführung (5800 cbm oder 30,7 Proz. vom Gesamtbetrage) beinahe dem vereinigten M. und Missouri gleich, weil sein 520,000 qkm umfassendes Gebiet in dem niederschlagsreichen appalachischen Berglande liegt. Auch die ungeheuern Frühjahrsfluten des untern M. stammen regelmäßig zum allergrößten Teil aus dem Ohio. Der Arkansas, mit 480,000 qkm Gebiet, trägt zur Gesamtwasserführung des M. nur 1360 cbm oder 7 Proz., der Red River, mit 240,000 qkm Gebiet, 1400 cbm oder 7,5 Proz. bei. Die Fluten des Arkansas und Red River fallen öfters, die Fluten des Missouri beinahe niemals mit den Ohiofluten zusammen. Das gesamte Stromgebiet des M. enthält 3,225,000 qkm, steht also dem Amazonas- und Kongogebiete wesentlich nach.

Die Masse der Sinkstoffe, die der M. zu Tale führt, um sie an seiner Mündung abzulagern, wird auf 211 Mill. cbm im Jahre geschätzt. Das Wachstum seines Schwemmkegels erfolgt aber unter mancherlei Wechselfällen und Anfechtungen durch Sturmfluten, Bodenbewegungen, Gleitungen, Pressungen u. dgl., da die Schlammaufschüttungen wenig Zusammenhalt haben und lange in einem halbflüssigen Zustande verharren. Genau erwiesen ist ein ziemlich rasches Längerwerden der Pässe und eine allgemeine Tendenz zu deren Verseichtung und Verlegung. So hatte der Südwestpaß 1839 eine Länge von 24,5 km und eine geringste Tiefe von 4 m, 1897 aber eine Länge von 29,8 km und eine geringste Tiefe von 2,7 m. Ebenso läßt sich die durch die Cadsschen Jetties künstlich geschaffene Fahrwassertiefe von 9 m im Südpaß nur durch Baggerarbeiten erhalten. Eine Senkung des Deltas um 0,018 m im Jahresdurchschnitt ist ziemlich sicher nachgewiesen. Seine allgemeine Gestalt ist aber, solange sie sich an der Hand zuverlässiger Karten verfolgen läßt (ein reichliches Jahrhundert), ziemlich gut erhalten geblieben. Nur an den Seen und Buchten, die seitwärts von dem Deltalaufe des Stromes liegen (Lake Maurepas, Lake Pontchartrain, Lake Borgne, Black Bay und Breton Sound links, Lac des Allemands, Lake Ouacha, Baratariabai u. a. rechts), schreitet die Verlandung langsam weiter fort.

In dem südlichen Teile seiner Überschwemmungsebene fließt der M. auf weiten Strecken zwischen Uferdämmen, die er selbst ausgeschüttet hat, und deren vom Strom abgewendete Böschung das beste Kulturland trägt, während die Gegenden weiter abseits, besonders im Yazoo- und Tensasbecken, tiefer liegen und in großem Umfange versumpfte, mit Bruchwald bedeckte Wildnis (swamps) sind. Um das Kulturland soviel wie möglich vor den Überschwemmungen zu schützen, hat man aber auch noch künstliche Dämme (levees) anlegen müssen, die 1898 eine Gesamtlänge von 2100 km erreichten. Die größern Ortschaften (Memphis, Vicksburgh u. a.) liegen auf höherm Lande, das namentlich von O. her hier und da in Gestalt sogen. Bluffs unmittelbar an den Strom tritt, und in dem die Schichten der Tertiärformation zutage stehen. Der Schade, den die große Überschwemmung von 1897 in der Mississippiniederung anrichtete, wird auf 50 Mill. Doll. (allein 10 Mill. Doll. an ertrunkenem Vieh) geschätzt.

Der Boden des Mississippibettes von der Ohiomündung bis zum Meer besteht aus hartem, bläulichem, ungemein zähem Ton, der streckenweise mit Sand und Kies oder mit Erde und Schlamm bedeckt ist. Große Bänke mit reinem Quarzsand werden überall da gefunden, wo der M. schnell genug fließt, um seinen Schlamm noch mit sich führen zu können. Wo er aber ganz langsam fließt, hat er den Ton mit Schlamm und Erde bedeckt und mit Weidengebüsch bewachsene Schlammbänke (willow-battures, »Weidenbänke«) gebildet. Das Gefälle des M. ist im obern Laufe ziemlich bedeutend, beträgt aber im untern Laufe kaum 56 mm auf 1 km, vom Anfang des Deltas bei der Mündung des Red River bis zum Meer auf 503 km Länge aber nur 30 mm, die sich auf der letzten, 150 km langen Strecke auf 20 mm verringern. Dennoch behält der M. bis zu seiner Mündung eine große Geschwindigkeit, die sich auf der ganzen Strecke seines untern Laufes ziemlich gleich (1,87–1,76 m in der Sekunde) bleibt und erst in den Mündungsarmen beträchtlich abnimmt. Aber auch dort beträgt sie bei Hochwasser noch 1,22 m in der Sekunde. Diese große Geschwindigkeit erklärt sich aus der verhältnismäßig großen Enge und Tiefe seines Bettes. Bei mittlerm Wasserstand ist er vom Ohio bis zum Arkansas etwa 1370 m breit, unterhalb des Arkansas 1220, in der obern Hälfte des Deltas nur 920, unterhalb New Orleans nur 750 m und erst an den äußersten Enden seiner Pässe 2100–2400 m breit. Je geringer aber die Breite, desto größer ist die Tiefe. Unmittelbar unterhalb der Ohiomündung beträgt sie bei Hochwasser bis 27 m, beim Anfang des Deltas unterhalb der Mündung des Red River 30 m, bei New Orleans und der Gabelteilung 36, stellenweise sogar 45 m. Dabei gibt es aber zahlreiche Untiefen, die auch nach den vorgenommenen Korrektionen bei Niederwasser im Oberlauf nur 1,4 m, im Unterlauf nur 2,4 m Wasser haben, so daß Schiffe von größerm Tiefgang die betreffenden Strecken nicht befahren können. Der Unterschied zwischen höchstem und niedrigstem Wasserstand beträgt bei St. Paul 6,4, bei St. Louis 12,5, bei Kairo 16, ebenso wie bei Vicksburg, an der White Rivermündung 16,4 m, bei Baton Rouge 12,4 m und bei New Orleans 6,2 m.

Die Schiffahrt auf dem M. wird durch Wirbel und Gegenströmungen, namentlich aber durch veränderliche Bänke und durch losgerissene Uferstücke und Baumstämme (snags), die im Schlamm stecken, sehr erschwert. Segelschiffe brauchen 5–30 Tage zur Bergfahrt von der Mündung des Flusses bis New Orleans, während sie bei günstigem Winde die Talfahrt auf dieser Strecke nicht selten in 12 Stunden machen. Gegenwärtig wird der Fluß aufwärts fast nur noch mit Dampfbooten befahren; abwärts bedient man sich außerdem großer Flachboote (arks), die aber nicht wieder aufwärts gehen. Das erste Dampfboot für den M. wurde 1811 in Pittsburg gebaut, und sechs Jahrzehnte lang stand der Stromverkehr in hohem Schwange, in der Folge hat aber die Mississippischiffahrt die Konkurrenz der Eisenbahn nicht gut bestanden. 1885 enthielt die Flotte des Mississippigebietes noch 346,054,1903 nur 215,095 Ton. Der Verkehr belief sich 1902 zwischen St. Louis und Kairo auf 102,567 Personen und 951,454 Ton. Fracht, zwischen Kairo und Memphis auf 63,135 Personen und 2,548,331 T., zwischen Memphis und Vicksburg auf 149,467 Personen und 1,940,026 T., zwischen Vicksburg und New Orleans auf 106,388 Personen und 2,159,258 T.-Vom obern M. gingen in St. Louis nur 82,405 Ton. Fracht ein, während der Gesamtverkehr der Strecke St. Louis-St. Paul auf 1,9 Mill. T. veranschlagt wurde. Vgl. Humphrey und Abbot, Report upon the physics and hydraulics of the M. River (Philad. 1861); Ockerson und Stewart, The M. River (St. Louis 1893, 42 Karten); Shea, History and exploration of the M. valley (2. Aufl., Albany 1903); Spears und Clark, History of the M. valley (Washingt. 1903); Greene, The M. campaigns of the civil war (New York 1882); Fiske, The M. valley in the civil war (Boston 1900); Hulbert, Military roads of the M. basin (Cleveland 1904).

2) Fluß in der kanad. Provinz Ontario, 150 km lang, fließt bis zum See M. ostwärts, dann nordwärts, treibt die Sägemühlen von Carleton Place und die Fabriken von Almonte und mündet bei Arnprior in den Ottawa. Der fischreiche Fluß wird stark zum Holzflößen benutzt.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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