Lenz [2]


Lenz [2]

Lenz, 1) Jakob Michael Reinhold, deutscher Dichter der Sturm- und Drangperiode, geb. 12. Jan. 1751 zu Seßwegen in Livland als Sohn eines geachteten Geistlichen, gest. 23. oder 24. Mai 1792 bei Moskau, studierte in Königsberg und ließ hier bereits 1769 ein großes hexametrisches Gedicht, »Die Landplagen«, und 1770 ein Gedicht auf Kant drucken; ein schon einige Jahre früher geschriebenes Drama, »Der verwundete Bräutigam«, blieb zu Lebzeiten des Dichters ungedruckt (hrsg. von Blum, Berl. 1845). 1771 ging L. als Hofmeister zweier kurländischer Edelleute, v. Kleist, nach Straßburg, wo seine Zöglinge in ein französisches Regiment eintraten, kam hier mit Goethe, Salzmann und andern Gliedern des dortigen literarischen Kreises in Verkehr, erging sich stark in dem modischen Geniewesen und in der Nachahmung Shakespeares. Dies Bestreben zeigt sich vor allem in seinen »Anmerkungen übers Theater nebst angehängtem übersetzten Stücke Shakespeares [›Loves labour's lost‹]« (Leipz. 1774), einer der charakteristischsten Äußerungen der Sturm- und Drangperiode (vgl. H. Rauch, L. und Shakespeare, Berl. 1892; Clarke, L. ' Übersetzungen aus dem Englischen, in der »Zeitschrift für vergleichende Literaturgeschichte«, Bd. 10, Berl. 1895), ferner in seinen bizarren Komödien »Der Hofmeister« (Leipz. 1774; vgl. R. M. Werner in der »Zeitschrift für vergleichende Literaturgeschichte«, Bd. 4, Weim. 1889), »Der neue Menoza« (Leipz. 1774) und »Die Soldaten« (das. 1776). Letztere ist merkwürdig, weil L. viel Selbsterlebtes und Beobachtetes einflocht (vgl. hierzu Froitzheim, Lenz, Goethe und Cleophe Fibich, Straßb. 1888). Auch bearbeitete er »Lustspiele nach dem Plautus fürs deutsche Theater« (Frankf. u. Leipz. 1774). Nach Goethes Heimkehr hielt er sich 1772 in Fort Louis mit dem dorthin versetzten jüngern Kleist auf und gab sich Mühe, mit Friederike Brion (s. d.) im benachbarten Sesenheim einen Liebesroman anzuspinnen. Sein schönstes Gedicht: »Die Liebe auf dem Lande«, bezieht sich auf Friederike (enthält aber keinen Hinweis auf L.; ein solcher ist nur durch den Fälscher Falck [s. unten] in eine von ihm hergerichtete kürzere Fassung des Gedichtes hineinkorrigiert worden); von den in Friederikens Nachlaß erhaltenen Liedern rühren acht von Goethe und nur zwei von L. her (vgl. E. Schröder, Die Sesenheimer Lieder von Goethe und L., in den »Nachrichten der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen«, 1905). In die nächsten Jahre fallen romantische unerwiderte Neigungen zu Cornelia Schlosser, der Schwester Goethes, und zu Henriette von Waldner, der spätern Baronin Oberkirch. Anklänge an diese Herzenserlebnisse finden sich in der Komödie »Die Freunde machen den Philosophen« (Lemgo 1776) und in der dramatischen Phantasey' »Der Engländer« (Leipz. 1777). Die in Strassburg 1775 gegründete »Gesellschaft für deutsche Sprache« gab ihm den Anstoß zu patriotischen Sprachstudien, wovon die »Flüchtigen Aufsätze von L.« (Zürich 1776) Zeugnis ablegen. Als Goethe nach Weimar gekommen war, zog ihm L. im März 1776 ungerufen nach und verweilte dort, bis ein Pasquill (im November d. J.) sein ferneres Bleiben unmöglich machte. In das Elsaß zurückgekehrt, führte er hier und in der Schweiz ein unstetes Wanderleben, bis er 1777 in Wahnsinn verfiel, der sich 1779 während seines Aufenthalts bei Goethes Schwager Schlosser zu Emmendingen und beim Pfarrer Oberlin zu Waldersbach im Elsaß aufs höchste steigerte. Im Juni 1779 von seinem Bruder in die Heimat zurückgeführt, wandte er sich nach Riga, von dort nach Petersburg, zuletzt 1781 nach Moskau. L. ' dramatische Dichtungen enthalten trotz der unkünstlerischen Form, der forcierten Originalitätssucht und den monströsen Geschmacklosigkeiten doch viele Einzelheiten, die ihn als den genialsten Dichter der Sturm- und Drangzeit nach Goethe erscheinen lassen. In seinen kleinern Liedern offenbart sich zuweilen eine rührend einfache Poesie. Nach seinem Tod erschienen die dramatischen Dichtungen: »Pandaemonium germanicum« (hrsg. von Dumpf, Nürnb. 1819; nach den Handschriften von Erich Schmidt, Berl. 1896); »Die Sizilianische Vesper« (hrsg. von Weinhold, Bresl. 1887); »Dramatischer Nachlaß« (hrsg. von Weinhold, Frankf. 1884). Außerdem schrieb L. einen Roman in Briefen: »Der Waldbruder. Ein Pendant zu Werthers Leiden« (abgedruckt in den »Horen«, 1797; neue Ausg., Berl. 1882), die Erzählungen: »Zerbin« (1776) und »Der Landprediger« (1777); endlich: »Verteidigung des Herrn Wieland gegen die Wolken, von dem Verfasser der Wolken« (hrsg. von Erich Schmidt, Berl. 1902). Eine Sammlung seiner »Gedichte« veranstaltete Weinhold (Berl. 1891). »Reinhold L., Lyrisches aus dem Nachlaß, aufgefunden von K. Ludwig« (Berl. 1884) ist eine Mystifikation. Die von Tieck besorgte Ausgabe von L.' Schriften (Berl. 1828, 3 Bde.) ist lückenhaft und enthält eine Anzahl untergeschobener Werke; Nachträge bot Dorer-Egloff in dem Werk: »J. M. R. Lenz und seine Schriften« (Baden 1857); eine Auswahl gab Sauer heraus (in Kürschners »Deutscher Nationalliteratur« Bd. 80). Vgl. Stöber, Der Dichter L. und Friederike von Sesenheim (Basel 1842); Falck, L. in Livland (mit Fälschungen, Winterth. 1878); Erich Schmidt, L. und Klinger, zwei Dichter der Geniezeit (Berl. 1878); Pfütze, Die Sprache in Lenzens Dramen (Dissertation, Leipz. 1890); Froitzheim, L. und Goethe (Stuttg. 1891, mit der Tendenz, Goethe herabzusetzen); Waldmann, L. in Briefen (Zür. 1894); Anwand, Beiträge zum Studium der Gedichte von J. M. R. Lenz (Münch. 1897); Erich Schmidt, Lenziana (»Sitzungsberichte der Akademie der Wissenschaften«, Berl. 1901).

2) Harald Otmar, Naturhistoriker, geb. 27. Febr. 1798 in Schnepfenthal, gest. daselbst 13. Jan. 1870, studierte seit 1816 in Göttingen und Leipzig und ward Lehrer in Thorn, Marienwerder und Schnepfenthal. Er schrieb: »Die nützlichen und schädlichen Schwämme« (Gotha 1831; 7. Aufl., bearb. von O. Wünsche u. d. T.: »Nützliche, schädliche und verdächtige Pilze«, das. 1890); »Schlangenkunde« (das. 1832; in neuer Bearbeitung: »Schlangen und Schlangenfeinde«, 1870), »Gemeinnützige Naturgeschichte« (das. 1834–39, 5 Tle.; 5. und 6. Aufl. von Burbach und Wünsche, 1881–87); »Zoologie, Botanik und Mineralogie der Griechen und Römer« (Jena 1856–61, 3 Bde.).

3) Oskar, Afrikareisender, geb. 13. April 1848 in Leipzig, studierte Naturwissenschaften, kam an die geologische Reichsanstalt in Wien und ging im Auftrag der Deutschen Afrikanischen Gesellschaft nach der Westküste Afrikas, wo er 1874–77 den Ogowe bis zur Mündung des Sebe erforschte. Auf einer zweiten Reise im Dienste derselben Gesellschaft gelangte er durch Marokko nach Timbuktu (1. Juli 1880), von wo er über St.-Louis am Senegal heimkehrte. Von der Geographischen Gesellschaft in Wien zu ihrem Generalsekretär ernannt, übernahm er auf Aufforderung dieser Gesellschaft die Leitung einer Expedition, die vom Kongo aus die durch den Aufstand des Mahdi abgeschnittenen Europäer Junker, Casati und Lupton befreien sollte. Indes vermochte L., von den Arabern im Stiche gelassen, sein Ziel nicht zu erreichen und zog über den Tanganjika und Nyassasee zur Ostküste bei Quilimane (Ende 1886). Nach seiner Rückkehr wurde L. zum Professor der Geographie an der deutschen Universität Prag ernannt. Er veröffentlichte: »Skizzen aus Westafrika« (Berl. 1878); »Timbuktu. Reise durch Marokko, die Sahara und den Sudân« (Leipz. 1884, 2 Bde.; 2. Aufl. 1892); »Wanderungen in Afrika« (Wien 1895).

4) Max, Geschichtsforscher, geb. 13. Juni 1850 in Greifswald, machte den Feldzug gegen Frankreich mit, studierte in Bonn, Greifswald und Berlin Geschichte, habilitierte sich 1876 in Marburg für mittlere und neuere Geschichte, ward 1881 außerordentlicher, 1885 ordentlicher Professor daselbst, 1888 in Breslau und 1890 in Berlin, wo er 1897 ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften wurde. Er schrieb: »König Sigismund und Heinrich V. von England« (Berl. 1874), »Drei Traktate aus dem Schriftenzyklus des Konstanzer Konzils« (Marburg 1876), »Die Schlacht bei Mühlberg«, mit neuen Quellen (Gotha 1879), »Janssens Geschichte des deutschen Volkes« (Münch. 1883), »Martin Luther. Festschrift der Stadt Berlin für ihre Schulen zum 10. Nov. 1883« (Berl. 1883, 3. Aufl. 1897), »Zur Kritik der Gedanken und Erinnerungen des Fürsten Bismarck« (das. 1899), »Die großen Mächte. Rückblick auf unser Jahrhundert« (das. 1900), »Geschichte Bismarcks« (Leipz. 1902) u.a. und zahlreiche Abhandlungen in Zeitschriften, gesammelt als »Ausgewählte Vorträge und Aufsätze« (Bd. 18 der »Deutschen Bücherei«, Berl. 1905). Auch gab er den »Briefwechsel Landgraf Philipps des Großmütigen von Hessen mit Bucer« heraus (Leipz. 1880–91, 3 Bde.).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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