Laotse


Laotse

Laotse (auch Laokiün), gewöhnlicher Name des chines. Weisen Lichyang, eines ältern Zeitgenossen des Konfutse, soll im 6. Jahrh. v. Chr. in einem Dorf der jetzigen Provinz Honan geboren, später als Reichsarchivar am kaiserlichen Hof angestellt gewesen, in höherm Alter aber in die Wildnis gegangen sein unter Zurücklassung des tiefsinnigen und schwierigen Werkes »Tao-teh-king« (»Kanons vom Tao u. der Tugend«, hrsg. mit franz. Übersetzung von Stan. Julien, Par. 1841; engl. von Chalmers, Lond. 1868; deutsch von Viktor v. Strauß, Leipz. 1870; von R. v. Plänckner, das. 1870; von Ular, das. 1903). Seine Lehre setzt ihren Ausgangspunkt und ihr Ziel in das Tao. Mit diesem verschieden gedeuteten Namen bezeichnet er das höchste Wesen, das Urgrund der physischen wie der moralischen Welt ist. Der Mensch soll mit Hilfe des Tao streben, sich ins Tao zu versenken, es begreifen, um in ihm zu wandeln und am Ende zu ihm zurückzukehren; alle wahre Tugend beruht nur in jenem Einssein mit dem Tao, im Sein, nicht im Tun des Menschen, und das Tun ist nur dann wahrhaft tugendhaft, wenn es der durch das Tao geläuterten sittlichen Natur selbst entspringt, nicht, wenn es durch äußere Ordnungen anerzogen wurde. Daß L. den Taobegriff von Frühern überkommen und nur selbständig weiter entwickelt habe, ist wahrscheinlich; daß er aber dabei von vorderasiatischen Religionsanschauungen beeinflußt gewesen sei, ist bis jetzt unerwiesen. Im scharfen Gegensatz zu dem staatsmännischen, konservativen, überall die altvererbte äußere Ordnung und die Grundsätze der Autorität und Pietät verfechtenden Confucius setzt L. den einzelnen Menschen als Selbstzweck und will die Vervollkommnung der Menschheit nicht durch äußere staatliche oder gesellschaftliche Satzungen, sondern durch läuternde Selbstverinnerlichung des Individuums erzielen. Mehr als die Achtung vor den besondern Pflichtverhältnissen, in denen Staat, Gesellschaft und Familie ihren Grund und Halt finden, gilt ihm eine allgemeine Menschenliebe, die selbst Kränkungen mit Wohltaten erwidert. Die im Gegensatz zu früher jetzt arg herabgekommene und, soviel bekannt, wenig geachtete Sekte der Taosse (s. Taoismus) mit ihren magisch-alchimistischen Phantastereien kann nicht mehr als eine Nachfolgerin des Weisen, wie sie sich zu nennen liebt, gelten; was sie aber von L. angenommen hat, eine reine, nur von ihnen vielfach ins Kleinliche gezogene Sittenlehre und die Neigung zur Beschaulichkeit, das mag sie indischen Einflüssen zugänglich gemacht haben, deren Nachwirkung in dem heutigen Leben der Sekte, in ihrem Mönchs- und Klosterwesen etc. unverkennbar ist. Vgl. Alexander, Lao-Tsze, the great teacher (Lond. 1895); Dvořák, L. und seine Lehren (Münster 1903).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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