Argonauten


Argonauten

Argonauten (»Argoschiffer«), die Teilnehmer an dem von Jason veranstalteten Zuge nach Kolchis (s. Äa). Schon Homer setzt die Sage als allgemein bekannt voraus. Im Lauf der Zeit hat sie vielfach An derungen und Erweiterungen erfahren; die verschie denen Fassungen suchte dann der Dichter Apollonius von Rhodos zu vereinigen, dem sich der römische Dichter Valerius Flaccus im wesentlichen anschloß. Jason (s. d.), des Äson Sohn, erhielt von seinem Oheim Pelias (s. d.) auf Heras Veranlassung den Auftrag, das goldene Vlies des Widders, auf dem Phrixos und Helle (s. d.) entflohen waren, aus dem Areshain in Kolchis zu holen, wo es, an einer Eiche aufgehängt, von einem Drachen bewacht ward. Zu dieser Fahrt ließ Jason von Argos, dem Sohn des Phrixos, die 50ruderige Argo bauen, das erste große Schiff; Athene leitete den Bau und fügte am Vorderteil ein Stück von der redenden und weissagenden Eiche zu Dodona ein. Die Teilnehmer an dem Unternehmen waren, wie die Sage von den Minyern ausging, ursprünglich Minyer von Jolkos, Orchomenos, Pylos u.a. O., wie Argos, Admetos, Akastos, Erginos, Tiphys; im Laufe der Zeit wurden auch andre berühmte Helden in die Sage hin eingezogen, wie Herakles, Kastor und Polydeukes, Idas und Lynkeus, Kalaïs und Zetes, Augias, Peleus, Tydeus, Meleagros, Orpheus, Telamon, Mopsos und Idmon, selbst die Jägerin Atalante. Die Leitung hatte Jason, Tiphys (nach dessen Tode Ankäos) war Steuermann. Die in Pagasai, dem Hafen von Jolkos, angetretene Fahrt ging an der Küste entlang nach der Insel Lemnos, wo die A., von den Frauen, die ihre Männer aus Eifersucht ermordet hatten, gastlich aufgenommen, längere Zeit verweilten, bis Herakles, der auf dem Schiff zurückgeblieben war, die Säumigen zum Ausbruch trieb. Von dort gelangten sie über Samothrake und durch den Hellespont zur Insel Kyzikos in der Propontis, wo sie bei den Dolionen gastliche Auf nahme fanden, aber von den den andern Teil der Insel bewohnenden sechsarmigen Giganten angegriffen wur den. Wieder in See gegangen, trieb sie in der Nacht ein Sturm zu den Dolionen zurück. von denen sie nicht erkannt und als Räuber angegriffen werden; in dem Kampf tötet Jason den König Kyzikos. Als der Morgen den Irrtum offenbar macht, trauern die A. drei Tage mit den Dolionen und stellen den Gefallenen zu Ehren Kampfspiele an. An der Küste von Mysien lassen sie Herakles zurück, der seinen von Nymphen geraubten Liebling Hylas (s. d.) sucht. An der Küste von Bithynien besteht Polydeukes einen siegreichen Faustkampf mit dem Bebrykerkönig Amykos (s. d.). An die thrakische Küste nach Salmydessos verschlagen, erhalten sie von dem blinden Seher Phineus (s. d.), den Kalaïs und Zetes von der Plage der Harpyien (s. d.) befreien, Belehrung über die weitere Reise. Auf seinen Rat läßt Jason bei den Symplegaden (s. d.), zwei fort und fort zusammenschlagenden Felsen am Eingang des Schwarzen Meeres, eine Taube vorausfliegen und, da dieser nur die Schwanzfedern abgequetscht werden, die Argo mit Aufbietung aller Ruderkraft losfahren. Mit Athenes Hilfe kam sie glücklich durch; nur verlor sie das Steuer. Der Südküste des Schwarzen Meeres folgend, finden sie freundliche Aufnahme bei dem König Lykos; aber der erkrankte Steuermann Tiphys stirbt. Am Amazonenlande vorüber kommen sie zur Insel Aretias, wo sie vier auf der Fahrt nach Griechenland schiffbrüchig gewordene Söhne des Phrixos aufnehmen. Endlich gelangen sie nach Kolchis. Auf Jasons Forderung verheißt König Äetes, das goldene Vlies auszuliefern, wenn Jason zwei feuerschnaubende, erzfüßige Stiere anschirre, mit ihnen die Flur des Arespfluge, in die Furchen die von Phrixos mitgebrachten Drachenzähne des Kadmos säe und die daraus entsprießenden, gewappneten Riesen besiege. Von Aphrodite mit unwiderstehlicher Liebe zu Jason erfüllt, gibt ihm die zauberkundige Medeia, Äetes' Tochter, eine Salbe, die ihn gegen Feuer und Eisen schützt. Er zwingt die Stiere ins Joch, ackert das Feld, sät die Drachenzähne und wirft nach Medeias Rat unter die daraus erwachsenen Riesen einen Stein, worauf sie sich gegenseitig töten. Jetzt aber verweigert Äetes das Vlies. Da schläfert Medeia, nachdem Jason geschworen, sie zur Gemahlin zu nehmen, in der Nacht den Drachen durch Zaubermittel ein; Jason raubt das Vlies und fährt mit seiner Doppelbeute und den Genossen von dannen.

Über die Heimfahrt der A. weichen die Sagen sehr voneinander ab. Nach einer der ältesten Fassungen fahren sie durch den Phasis in den Okeanos und durch diesen nach Libyen, wo sie ihr Schiff 12 Tage lang über Land zum Tritonischen See tragen; aus diesem gelangen sie durch das Mittelmeer in die Heimat. Andre lassen sie auf demselben Wege, den sie gekommen, heimkehren; dem verfolgenden Äetes entkommen sie, indem Medeia ihren mitgenommenen kleinen Bruder Absyrtos zerstückt und die Glieder einzeln verstreut, durch deren Sammlung Äetes aufgehalten wird. Nach Apollonios fahren die A. nach Phineus' Rat durch den Pontus Euxinus in den Ister (Donau), an dessen Ausfluß ins Adriatische Meer erwarten sie die Kolchier unter Absyrtos, der sie auf einem kürzern Isterarm überholt hat. Mit ihm knüpft Jason Unterhandlungen an, ermordet ihn aber meuchlings. An der Ostküste des Adriatischen Meeres schon über Kerkyra hinausgelangt, verschlägt sie ein Sturm zurück nach der Insel Elektris an der Mündung des Eridanos (Po?), wo ihnen das redende Brett der Argo verkündet, daß sie die Heimkehr nicht erlangen würden, wenn sie sich nicht durch Kirke vom Morde des Absyrtos entsündigen ließen. Sie schiffen den Eridanos hinauf in den Rhodanos und aus diesem in das Mittelmeer zur Insel der Kirke, der Schwester des Aetes, die sie entsühnt, aber, sobald sie weiß, wer sie sind, vertreibt. Orpheus' Gesang brachte sie glücklich bei den Sirenen vorbei, Thetis und die Nereiden durch Skylla und Charybdis, und sie gelangen glücklich zur Insel der Phäaken, wo König Alkinoos sie gastlich aufnimmt. Hier aber kommen Kolchier, die Medeias Auslieferung fordern. Alkinoos als Schiedsrichter spricht Medeia den Kolchiern zu, falls sie noch nicht mit Jason vermählt sei. Seine Gattin Arete aber bewirkt ihre Vermählung, und die Kolchier müssen verzichten. Reichbeschenkt segeln die A. weiter; aber angesichts des Peloponnes verschlägt sie ein Sturm in die libyschen Syrten. Von Poseidon gerettet, tragen sie die Argo bis an den Tritonischen See, wo Triton ihnen den Weg in das Mittelmeer zeigt. Über Kreta gelangen sie endlich glücklich in den Hafen Pagasai zurück. Die Argo soll Jason dem Poseidon auf dem Isthmos geweiht haben. Über seine und der Medeia weitere Schicksale s. Jason.

Die Argonautensage ist vielfach poetisch bearbeitet worden, sowohl von epischen als von tragischen Dichtern. Auch die Kunst machte die A. zum Gegenstande der Darstellung. Zu erwähnen ist namentlich die Darstellung der Besiegung des Amykos durch Polydeukes auf der sogen. Ficoronischen Cista (s. d.) in Rom. Von neuern Darstellungen verdienen Erwähnung: der Argonautenzug von Carstens (hrsg. von Riegel, Leipz. 1884, 24 Tafeln) und der Szenen daraus enthaltende Fries von Schwanthaler in der Residenz zu München. Vgl. Vater, Der Argonautenzug (1845); Stender, De Argonautarum expeditione (Kiel 1874); E. Meier, Quaestiones Argonauticae (Mainz 1882); Groeger, De Argonauticarum fabularum historia (Bresl. 1889).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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