Halberstadt [2]

Halberstadt [2]

Halberstadt, ehedem Hauptstadt des Fürstentums (s. oben), jetzt Stadtkreis im preuß. Regbez. Magdeburg, liegt an der Holzemme, 123 m ü. M. Die Bauart der Stadt ist altertümlich, der sogen. Holz- oder Überbau im allgemeinen vorherrschend. Viele Häuser sind durch altes Holzschnitzwerk künstlerisch interessant (namentlich der Alte Ratskeller, die Ratswage etc.). Das sehenswerteste Gebäude ist der Dom, an der Ostseite des Domplatzes. Er ist 135 m lang, 23 m breit, 30 m hoch und macht im Innern mit den schlank aufragenden Säulen und den schmalen, hohen Seitenschiffen einen majestätischen Eindruck. Das Chor, durch einen Lettner vom Schiff getrennt, bildet einen Dom im Dom.

Wappen von Halberstadt.
Wappen von Halberstadt.

Der Domschatz, größtenteils im ehemaligen Kapitelsaal untergebracht, enthält eine Fülle von Reliquien und Kunstgegenständen. Von 1850–71 ist das Gebäude vollständig restauriert worden, doch mußten die beiden schlanken Türme, um dem Einsturz vorzubeugen, 1883–86 abgetragen werden. Der Wiederaufbau wurde 1893 begonnen und 1896 vollendet. Nahe dem Haupteingang liegt der sogen. Teufels-, Leggen- oder Lügenstein, eins der Wahrzeichen Halberstadts, wahrscheinlich ein heidnischer Opferaltar. Das Westende des Domplatzes nimmt die 1146 geweihte viertürmige Liebfrauenkirche ein, eine Pfeilerbasilika mit alten Relieffiguren und Wandmalereien, 1848 restauriert. Die Mitte des Domplatzes ziert ein Kriegerdenkmal. Unter den übrigen kirchlichen Bauwerken (6 evangelische und 2 kath. Kirchen, eine altlutherische Kapelle und eine Synagoge) verdient noch Erwähnung die Martinikirche im Spitzbogenstil mit zwei ungleichen Türmen; unter den sonstigen Gebäuden sind bemerkenswert: das altertümliche Rathaus (1360–81 erbaut), an dem eine riesige Rolandssäule steht, der Alte Ratskeller (von 1461), der Petershof (ehemals Residenz der Bischöfe, jetzt Amtsgericht mit Gefängnis), das jetzt restaurierte, zu städtischen Zwecken bestimmte Dompropsteigebäude mit Freskomalereien im Stadtverordnetensitzungssaal, das Gymnasialgebäude, das Schullehrerseminar in der Anlage »Plantage«, woselbst auch ein Denkmal für den Volksschulpädagogen K. Kehr errichtet wurde, das Kreishaus etc. Hinter dem Dom liegt das Haus, in dem der Dichter Gleim wohnte, mit dessen Bibliothek und über 100 Porträten von bekannten Zeitgenossen, darunter das berühmte Bild Lessings von Tischbein. Die Zahl der Einwohner beträgt (1900) mit der Garnison (ein Infanterie reg. Nr. 27 und 4 Eskadr. Kürassiere Nr. 7) 42,810, darunter 4285 Katholiken und 773 Juden. Die Industrie der Stadt erstreckt sich auf Handschuh-, Hanfschlauch-, Leder-, Gummiwaren-, Papier-, Zigarren-, Zucker- und Maschinenfabrikation, Spiritusbrennerei etc.; auch befindet sich in H. eine große Eisenbahn-Reparaturwerkstatt. An ein ehemals hochberühmtes Erzeugnis der Stadt erinnert eins der Wahrzeichen, das Broyhanmännchen an einem Haus der Worth, der Sage nach Konrad Broyhan, der 1526 zuerst in H. (nach andern in Hannover) das nach ihm benannte Getränk braute. Der Handel wird unterstützt durch eine Handelskammer und eine Reichsbankstelle. Für den Eisenbahnverkehr ist die Stadt Knotenpunkt der Staatsbahnlinien Magdeburg-H. und Halle-Zellerfeld und der Eisenbahn H.-Tanne; dem Verkehr in der Stadt dient eine elektrische Straßenbahn. H. hat ein Gymnasium (seit 1675, mit Bibliothek von 40,000 Bänden und ca. 200 Handschriften), Realgymnasium, Oberrealschule, Lehrerseminar, Taubstummenanstalt und ist Sitz eines Landgerichts, eines Landratsamtes (für den Landkreis H.), eines Hauptsteueramtes und des Stabes der 14. Infanteriebrigade. Südlich von H. liegen die Spiegelsberge, eine vom Domherrn v. Spiegel gebildete Parkanlage, und die Klusberge, mit uralten menschlichen Wohnungen in den Sandsteinfelsen. – Zum Landgerichtsbezirk H. gehören die acht Amtsgerichte zu Aschersleben, Egeln, Gröningen, H., Oschersleben, Osterwieck, Quedlinburg und Wernigerode. – Halberstadts Ursprung fällt mit der Gründung des Hochstifts H. zusammen. Unter dem Bischof Arnulf soll es 998 Stadtrechte erhalten haben. 1113 ward die Stadt vom Kaiser Heinrich V. niedergebrannt, ebenso von Heinrich dem Löwen 1179. Im Dreißigjährigen Kriege war sie abwechselnd im Besitz der Kaiserlichen und der Schweden; von letztern kam sie 1648 an Brandenburg. Durch Gleim, der als Domsekretär in H. lebte, erhielt H. auch eine Bedeutung für die Literatur. Namhafte Dichter, wie Lichtwer, Klamer-Schmidt u. a., wohnten in H., und man spricht von einer Halberstädter Dichterschule. 1807–13 gehörte H. zum Königreich Westfalen. Am 29. Juli 1809 wurde hier vom Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig ein Regiment Westfalen gefangen genommen. Vgl. Schmidt, Urkundenbuch der Stadt H. (Halle 1878–79, 2 Bde.) und Urkundenbuch der Kollegiatstifter St. Bonifatii und St. Pauli in H. (das. 1881); Zschiesche, H. sonst und jetzt (Halberst. 1882); Hermes, Der Dom zu H. (das. 1890); Döring, Bau- und Kunstdenkmäler der Kreise H. Stadt und Land (Halle 1902).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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