Haarlem


Haarlem

Haarlem (Harlem), Hauptstadt der niederländ. Provinz Nordholland, liegt 6 km östlich von der Nordsee, 1 km westlich vom frühern Haarlemer Meer (s. d.) entfernt, ist Knotenpunkt an der Eisenbahn Rotterdam-Amsterdam und wird durch den Spaarne (mit 5 Brücken) in zwei Teile geteilt. Hauptgebäude sind unter den (15) Kirchen die Groote Kerk (St. Bavo), eine großartige spätgotische Basilika von nahezu 140 m Länge, mit 80 m hohem Turm und einer berühmten Orgel (5000 Pfeifen und 64 Register); ferner das Rathaus (früher Palast der Grafen von Holland) mit vielen Porträten (von Franz Hals) und einer kostbaren Sammlung ältester Druckwerke, der Prinzenhof (jetzt Versammlungsort der Provinzialabgeordneten) mit der Stadtbibliothek, das Regierungsgebäude etc. Außerdem besitzt H. ein Gymnasium, 2 höhere Bürgerschulen, eine Realschule für Mädchen, Seminare für Lehrer und Lehrerinnen, die Teylersche Stiftung, ein der Theologie, den Naturwissenschaften und der Kunst gewidmetes Institut mit mannigfaltigen Sammlungen, ein bischöfliches Museum (kirchliche Altertümer), die Holländische Gesellschaft für Wissenschaft mit reichem naturhistorischen Kabinett, 2 Schauspielhäuser und einen hübschen Stadsdoelen (früher Vereinigungsort der Schützengilden, wo nach dem DoelZiel«] geschossen wurde); ferner die älteste Druckerei der Niederlande, in der das älteste Tageblatt dieses Staates: »De opregte Haarlemmer Courant«, seit länger als zwei Jahrhunderten gedruckt wird, mit berühmter Schriftgießerei. Auf dem Marktplatz steht (seit 1856) die Bronzestatue von Laurens Coster (von Royer), dem früher die Holländer die Erfindung der Buchdruckerkunst zuschrieben. Die Zahl der Bewohner beträgt (1900) 65,189. H. besitzt eine große Baumwollweberei und -Druckerei, eine Werkstätte der Holländischen Eisenbahngesellschaft, eine Eisen- und Kupfergießerei, Eisenbahnwagenfabrik, mehrere große Buchdruckereien und ist weltberühmt durch seine Blumenzucht (Tulpen, Hyazinthen, Narzissen, Ranunkeln). Berühmt sind auch noch jetzt, wie in alter Zeit, die Linnenbleichen von H. Die Stadt ist Sitz des Gouverneurs der Provinz Nordholland, eines römisch-katholischen und eines jansenistischen Bischofs. Die Umgebung der Stadt, in der die reichsten Kaufleute von Amsterdam Landhäuser besitzen, ist prachtvoll. Besonders schön ist das Haarlemer Holz (Hout), ein 40 Hektar großer Wald alter, prächtiger Buchen mit Spaziergängen, zahmem Damwild, Gesellschaftshäusern und einem 1823 errichteten Denkmal Laurens Costers. In diesem Walde liegt auch der sogen. Pavillon (Paviljoen Welgelegen), ein im italienischen Stil erbautes Landhaus, mit dem Kunstgewerbemuseum (nebst kunstgewerblicher Zeichenschule) und dem Kolonialmuseum. Auf dem nahen Landsitz Hartenkamp entwarf Linné sein Pflanzensystem. H. ist der Geburtsort des erwähnten Coster und der Maler Ostade, Wouwerman und Berchem. Der Dichter Bilderdijk ist hier begraben. – H. war anfangs ein Dorf mit gräflichem Schloß, aber schon um die Mitte des 13. Jahrh. eine feste Stadt. 1492 wurde die Stadt durch die aufständischen Bauern, »Käse- und Brotvolk« genannt, eingenommen, noch in demselben Jahr aber von dem kaiserlichen Statthalter, Herzog Albrecht von Sachsen, wiedererobert, ihrer Privilegien beraubt und mit Geldstrafen belegt. 1559 wurde H. Bischofssitz. An dem Aufstand der Niederlande beteiligten sich die Einwohner von H. tätig. Albas Sohn, Don Friedrich, rückte Ende 1572 mit 30,000 Mann spanischer Kerntruppen vor H.; aber erst nach einer Belagerung von sieben Monaten, als die Spanier die Zufuhr über das Haarlemer Meer abgeschnitten, die Ersatztruppen geschlagen hatten und der Hunger in der Stadt wütete, kapitulierte diese am 12. Juli 1573. Bei ihrer Verteidigung hatte auch eine Anzahl Frauen unter Anführung der mutigen Kenau Hasselaar tapfer mitgewirkt. Die Spanier übten trotz verheißener Gnade grausame Rache. Nachdem 1577 H. wieder zum Prinzen von Oranien übergegangen war, blieb es mit den freien Niederlanden vereinigt. Ihre höchste Blüte erreichte die Stadt durch ihre Industrie im 17. Jahrh., namentlich nach der Aufnahme von französischen Ausgewanderten; allmählich aber sank ihr Wohlstand, und erst in der neuesten Zeit hat er sich wieder kräftig gehoben. Vgl. Allan, Geschiedenisen beschrijving van H. (Haarl. 1871–88, 4 Tle.).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.