Guinēa


Guinēa

Guinēa (spr. gi-; hierzu die Karte »Ober-Guinea und West-Sudân«), Teil der Westküste Afrikas, vom Kap Roxo (12°19´ nördl. Br.) bis Kap Negro (16° südl. Br.), zerfällt in zwei Teile: Oberguinea und Niederguinea, deren Grenze von Kap Lopez im Mündungsgebiet des Gabun ausgeht. Es sind dies die beiden nahezu senkrecht sich treffenden, westöstlich und nordsüdlich verlaufenden und den Golf von G. mit seinen beiden Buchten von Benin und Biafra einschließenden Küstenlinien, die nur an wenigen Stellen ins Meer vorspringen (Kap Drei Spitzen, Nigerdelta mit Kap Formoso, Kap Lopez). Außer jenen beiden großen Buchten hat das Land daher auch keine nennenswerten Einschnitte. An der Küste ist es fast durchweg flach und steigt nur an wenigen Stellen, namentlich im Kamerungebirge, zu nennenswerten Höhen auf; meist erhebt es sich in 50–60 km Entfernung terrassenförmig von dem mit Lagunen vielfach besäumten, flachen Strande. Kristallinisches Grundgebirge, das vorherrschend aus Gneis mit Granit, Diorit, Foyait und Olivingabbro und aus Glimmerschiefer, Quarzitschiefer und Amphiboliten besteht, ist von vielen Punkten Ober- und Niederguineas bekannt; es ragt aus den umsäumenden jüngern Sedimenten in den Gebirgen im Hinterlande von G., zumal im Haussa- und Adamáua-Massiv, in großen zusammenhängenden Massen hervor. Jüngere Ablagerungen, namentlich Kreidesandsteine, umsäumen nach der Küste hin das ältere Gebirge, sind aber außer am untern Niger und Binuë nur schwach entwickelt. Quartärbildungen sind längs der Küste und im Delta des Niger sehr verbreitet. Jüngere Eruptivgesteine (Basalte) finden sich in Kamerun (Kamerunberg) und auf den Inseln Fernando Po, São Thomé etc. sowie nahe der Küste nördlich von Mossamedes. Nutzbare Mineralien finden sich an verschiedenen Stellen; Gold wird hauptsächlich aus den Alluvien an der Goldküste, auch im Dande und Kunene in Niederguinea gewonnen; besonders reich sind aber die Gebirge Niederguineas an Kupfer und Eisen; Bleiglanz findet sich bei Wukeri südlich vom Binuë; außerdem wird noch Schwefel, Gips und Steinsalz ausgebeutet, weniger Asphalt etc.

Die dem Meere zufließenden Gewässer sind der Bodenplastik zufolge teils sehr kurz, teils nur auf kurze Strecken von der Mündung aus fahrbar, bis Stromschnellen ein weiteres Vorgehen verhindern. In die Flüsse der den Golf von G. begrenzenden Nordküste, wie in den Alba, Assini, Tenda, Busum Pra, Volta u. a., können Schiffe vom Meer aus vicht einlaufen. Ihre Mündungen, hinter denen sich seichte, weithin dem schmalen, niedrigen Strande folgende Lagunen hinziehen, werden sämtlich durch unpassierbare Barren verstopft; wenige sind, wie der Volta, auf größere Strecken kleinern Fahrzeugen zugänglich. Dagegen bietet der Niger in mehreren Mündungsarmen eine gute, viel befahrene Straße nach dem Innern. In die Bai von Biafra münden Alt-Calabar und Kamerun. Der ansehnliche, aber ver Schiffahrt wenig dienliche Ogowe trennt Ober- und Niederguinea. Die bedeutendsten Flüsse des letztern sind: der Kuilu, der mächtige Kongo und der Koanza. Auch der Beschiffung dieser Flüsse vom Meer aus auf weitere Strecken treten Stromschnellen hindernd entgegen. Einige Flüsse bilden kurz vor ihrer Mündung langgestreckte Lagunen, die nur durch schmale Landzungen vom Meere getrennt werden. Mit wenigen Ausnahmen (Mündung des Niger, Kamerun, Gabun, Kongo) ist die Küste hafenlos, daher muß der Verkehr vom Schiff zu Lande durch Boote geschehen, was wegen der schweren Brandung, der Kalema (s. d.), sehr schwierig und gefährlich ist. An Inseln ist die Küste sehr arm, die bedeutendsten sind die Guineainseln in der Biafrabai; die größte ist Fernando Po, südwestlich folgen Principe, São Thomé und Annobom.

Das Klima Guineas ist bei den hier herrschenden hohen Graden von Wärme und Feuchtigkeit Europäern durchaus unzuträglich. Die Regenzeiten folgen der Sonne, daher doppelte Regenzeit; Zahl der Regentage durchschnittlich 115 (Jahressumme: Sierra Leone 430, Fernando Po 256, Bibundi 1049, Kamerun 405, Gabun 227, Loanda 32 cm). Die Jahrestemperatur liegt zwischen 23 und 27°, kälteste Monate (Juli und August) zwischen 19 und 24°, wärmste (meist Januar bis März) zwischen 25 und 28°. Vorwiegende Windrichtung SW., Wechsel von Land- und Seewind (bez. NNW. und SSW.). Zwischen November bis März ist in Oberguinea der Harmattan nicht selten, ein trockner, am Mittag heißer, nachts kühler Ostwind mit rotem Staub. – An der großen Biegung, die der Golf von G. vom Kamerungebirge aus nach S. beschreibt, beginnen die dichten Urwälder, welche die Küstenterrasse über den Kongo hinaus bis Angola bekleiden. Hier wächst der im Sudân weitverbreitete Affenbrotbaum, häufig begleitet von den verwandten Gattungen Bombax und Eriodendron. Neben Farnbäumen charakterisieren zahlreiche Palmenarten diesen Küstenstrich: vor allem die nutzbare Ölpalme (Elaeis guineensis), die Weinpalme (Raphia vinifera) und andre Arten mit riesenhaften Blattwedeln sowie kletternde Rotangpalmen. In denselben Bereich fällt der an der Westküste sehr verbreitete hohe Pandanus candelabrum, dessen zerstreute hohe Schopfbäume das Landschaftsbild eigenartig ausprägen. Weiter landeinwärts gedeiht die Kolanuß (Sterculia acuminata). Unter den Arten der Palmengattung Hyphaene ist eine (H. guineensis) typisch für G. Unter den Kulturgewächsen stehen voran die Banane, der Kaffee, die Erdnuß (Arachis hypogaea), Kautschukbäume, Farbhölzer, Reis und Tabak. – Zur westafrikanischen Subregion der äthiopischen Region zählend, ist G. besonders charakterisiert durch das Vorkommen der menschenähnlichen Affen Gorilla und Schimpanse, des Larvenschweines (Potamochoerus), des Insektenfressers Potamogale und einer Reihe von Gattungen der Meerkatzen und Antilopen, die Westafrika eigen, Ostafrika aber fremd sind. Von Raubtieren finden sich Löwen, Leoparden und eine große Anzahl kleinerer Raubtiere. Von Reptilien sind die charakteristischen Peitschenbaumschlangen zu erwähnen; unter den Insekten fällt am meisten der riesige Goliathkäfer auf.

Die Bevölkerung besteht vorherrschend aus Negern, zu denen nur wenige eingewanderte Europäer kommen. Die zahlreichen größern oder kleinern Stämme lassen sich nach ihrer gemeinsamen Sprache und Abstammung unter zwei Hauptgruppen verteilen: die Sudanneger, die bis zum Rombigebirge reichen, und die Bantuneger, von da ab südwärts. An der Pfefferküste treffen wir auf die Kru, mit denen die Avekvom von der Zahnküste nahe verwandt sind. Die Stämme östlich vom Assinifluß bis an den Niger, die Aschanti, Fanti, Akim, Akwapim und Akwambu, reden die Odschisprache. Innig verwandt mit diesen sind die Akkra, welche die dem Odschi nahestehende Gespräche reden. Weitere Verwandte sind jene Stämme, welche die Ewesprache reden (östlich vom Volta), also die Bewohner von Süd-Togo, Dahomé, Joruba. Südöstlich von diesen im Nigerdelta und bis zum Altcalabar wohnt das Volk der Ibo, dessen Sprache in mehreren Dialekten sich weit nach NO. verbreitet. An diese Negervölker schließen sich nach S. zu Bantuvölker an. Zu ihnen gehören die Dualla, auf den Inseln der Coriscobai und den beiden Vorgebirgen im N. und S. die Mbenga, am Gabun die Mpongwe und in den Landschaften Loango, Kongo, Angola und Benguella Kongovölker (vgl. die Tafel »Afrikanische Völker I«). Die Regierungsform ist im größten Teil Guineas despotisch. Die einzelnen Staaten stehen meist unter erblichen Häuptlingen, außer denen noch jeder Ort seinen eignen Vorsteher hat. Die Religion ist fast durchaus ein grober Fetischismus, der früher in Aschanti, in Dahomé etc. Menschenopfer zu Hunderten forderte. Allmählich dringt der Islam infolge der Eroberungszüge der Fulbe und der Handelsverbindungen der Mandingo und Haussa gegen die Küste vor. Das Christentum wird dagegen durch englische, deutsche (Norddeutsche und Baseler) und amerikanische Missionen im Küstengebiet verbreitet. Ackerbau wird meist von den Frauen betrieben, während die Männer der Küstenstämme sich dem Zwischenhandel mit dem Hinterlande widmen. In der technischen Industrie erscheinen die Aschanti am meisten fortgeschritten; bewundernswert ist die Güte ihrer bessern Zeuge. Vorzüglich sind die Goldarbeiten an der Goldküste; Eisengewinnung und -Verarbeitung kommen in den Bergländern des Innern vor; vgl. auch Tafel »Afrikanische Kultur II«, Fig. 8.

Dem politischen Besitz nach bildet Portugiesisch-G. (s. d.) den nördlichsten Teil der Küste, ihm folgt Französisch-G. (s. d.), dann das britische Sierra Leone. Nach den Produkten, die kurz nach der Entdeckung der Küste von ihren einzelnen Teilen in den Handel kamen, hat diese in Oberguinea verschiedene Namen erhalten. Bis Kap Palmas reicht die Pfeffer- oder Kruküste des Negerfreistaates Liberia; vis zum Vorgebirge der drei Spitzen folgt die Zahn- oder Elfenbeinküste, zum größern Teil französischer, zum kleinern englischer Besitz. Die britische Goldküste reicht bis über die Voltamündung. Die Sklavenküste, auch Beninküste genannt, bis zur Mündung des Benin, gehört Deutschland (Togo), Frankreich (Dahomey-et-Dependences) und England (Lagos), das auch die Mündungen des Niger und Alt-Calabar (Oil Rivers) bis zum Rio del Rey besitzt; hier beginnt das deutsche Kamerungebiet, das südwärts bis zum Campofluß reicht. Darauf folgt das spanische Rio Munigebiet und Französisch-Kongo. Mit Frankreich teilen sich Portugal und der Kongostaat in den Besitz von Niederguinea, das in die Landschaften Loango, Kongo, Ambriz, Angola und Benguella zerfällt. Deutsche Kaufleute, namentlich die Firma Wörmann, haben an der ganzen Westküste Afrikas Faktoreien eröffnet. Aber schon unter dem Großen Kurfürsten von Brandenburg wurden deutsche Niederlassungen an dieser Küste errichtet. Nachdem 16. Mai 1681 Kapitän Blonck mit einigen Häuptlingen an der Guineaküste Verträge abgeschlossen hatte, wurde 17. März 1682 die Afrikanische Handelskompanie gegründet und durch v. d. Gröben 27. Dez. 1682 am Kap der Drei Spitzen die brandenburgische Flagge auf dem Berg Manfro gehißt, wo die später so berühmte Feste Groß-Friedrichsburg (s. d.) angelegt wurde. 1684 wurde Accada, 1685 Taccarary und später Taccrama erworben. 1686 wurde der Besitz vom Staat übernommen, aber schon 1687 begannen die Feindseligkeiten der Holländer und Engländer in Oberguinea, und Taccarary ging verloren. Friedrich Wilhelm I. trat 22. Nov. 1717 die afrikanischen Besitzungen an die Holländisch-Westindische Kompanie ab; die Holländer wiederum haben ihre Besitzungen an England überlassen und besitzen nur noch Faktoreien, namentlich am Kongo.

Im Handel sind in neuerer Zeit bei der Ausfuhr an die Stelle der menschlichen Ware Palmöl und Palmkerne, in Niederguinea Kautschuk, sodann Elfenbein, Gummi, Kopal, Farb- und Möbelhölzer, Erdnüsse, Häute, Wachs, von der Goldküste Goldstaub u. a. getreten. Eingeführt werden Baumwollwaren, Branntwein, Tabak, Pulver und Steinschloßflinten, Faßdauben, Eisenwaren, Seife, Glas, Spielwaren u. a. Näheres über den Handel und Verkehr in den einzelnen Ländern s. die betreffenden Artikel. Die Handelsbräuche und Tauscheinheiten sind in den einzelnen Teilen Guineas sehr verschieden. Man rechnet in Angola nach Macutas von 50 Reïs = etwa 23 Pfennig der Talerwährung und benutzt alte portugiesische Münzen, Perlen, Gin, Baumwollenzeug in Quadratform (Fazenda) und Steinschloßgewehre mit wechselndem Gegenseitigkeitswert. Die Kaurimuschel heißt bei den Eingebornen Zimbo. Getreidemaß der portugiesischen Faktoreien ist der Exeque = etwa 220 Lit. In Gabun etc. dienen als Kurant französische Silbermünzen und spanische Piaster. Während die Behörden und der auswärtige Handel das metrische Maßsystem anwenden, gelten für den innern Privatverkehr noch vielfach alte Lissaboner, bez. Pariser Größen. Das hauptsächlichste Umsatzmittel der Neger in Oberguinea bilden nicht mehr Kaurimuscheln, sondern nutzbare Gegenstände mit wechselndem Kurs. So dient eine Stange Metall (Manilla oder Igbi) bis zum Nigergebiet als Geld, auch ein bestimmtes Stück Baumwollen- oder Seidenzeug (franz. pagne, engl. pawn) von ungefähr 3 Ml. Wert. An der Pfefferküste finden ferner Ausgleichungen gegen 1 Kru Reis, an der Gold- und Sklavenküste gegen 1 Kru Palmöl, überall gegen Elefantenzähne statt. Oft erfolgen Zahlungen mittels abgewogenen Goldstaubes von 773/4 deutschen Mark Wert für die Unze von 20 dahomitischen Gurde, deren jedes rund 2000 Simbipuri gilt. In ganz Oberguinea laufen altspanische Piaster um; außer ihnen sowie den Münzen der Besitzherrschaften haben in Dahomé noch Theresientaler Gültigkeit. Heimisches Längenmaß ist der Pik oder Côvado = 57,75 cm oder weniger geworden. Im Nigerdelta enthält ein Tub Salz 36 engl. Pfund = 16,33 kg, in Bonny ein Puncheon Palmöl 70 engl. Gallons = 318 Lit., an der Zahnküste das Kru Palmöl 46engl. Pfund = 20,865 kg. Als Goldgewicht ist die Unze von 20,896 g am meisten verbreitet. Den Handels- und Postverkehr vermitteln französische, englische, portugiesische und deutsche Dampferlinien. – Der Name G. kommt von Genahoa her, einer Landschaft am Senegal, wo die Portugiesen auf ihren Entdeckungsfahrten zuerst Schwarze trafen. Diesen Namen dehnten sie auf die später gefundenen südlichen Länder aus, in denen sie Gold zu finden hofften, und die verschiedentlich als Ginya, Ghenei, Ginyia, Gineua auf den ältesten Karten bezeichnet werden.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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