Gógol


Gógol

Gógol, Nikolaj Waßiljewitsch, einer der hervorragendsten russ. Schriftsteller und der bedeutendste russische Humorist, geb. 31. (19.) März 1809 im Flecken Sorotschinzy im Gouv. Poltawa, gest. 4. März (21. Febr.) 1852 in Moskau, wurde im Lyzeum des Fürsten Besborodko zu Neshin erzogen und versuchte sich bereits damals als Schriftsteller, so in der Novelle »Gebrüder Twerdislawitsch«, dem Trauerspiel »Die Räuber« und der Ballade »Die beiden Fischlein«, in der er mit rührender Innigkeit sein und seines Bruders Schicksal schilderte. 1830 erhielt er in Petersburg die Stelle eines Subalternbeamten im Apanagendepartement, die er jedoch noch vor Jahresschluß aufgab. Alsdann schrieb er seine ersten bedeutenden Erzählungen u. d. T.: »Abende auf dem Meierhof unweit Dikanjka« (2 Tle., 1831 und 1832) und einige kleinere Sachen, welche die Aufmerksamkeit der literarischen Welt auf ihn lenkten. Er lernte Puschkin kennen, mit dem er in engsten Verkehr trat, und wurde 1831 auf Verwendung des Schriftstellers P. A. Pletnjew Oberlehrer der russischen Literatur am Patriotischen Institut zu Petersburg. Nachdem er diese Stelle bald wieder aufgegeben hatte, erhielt er 1834 eine Anstellung als Adjunktprofessor für Geschichte an der Universität. Aber auch hier mußte er schon im nächsten Jahr seinen Abschied nehmen und widmete sich nun ganz der Literatur. In dieser Zeit bis zu seiner 1836 unternommenen ersten ausländischen Reise erschienen einige seiner besten humoristischen Erzählungen: zunächst (1834) die Sammlung »Mirgorod« (»Die altväterischen Gutsbesitzer«, »Taras Bulba«, »Die Geschichte von dem Streit zwischen Iwan Iwanowitsch und Iwan Nikiforowitsch« etc.) und die »Arabesken« (»Das Porträt«, »Der Newskij Prospekt« etc.), dann »Die Nase«, »Der Mantel«, »Die Kalesche« etc., endlich (1836) das bedeutendste russische Lustspiel: »Der Revisor«, in dem er die Bestechlichkeit und Borniertheit der provinzialen russischen Beamtenwelt mit rücksichtsloser Schärfe geißelt (deutsch in Meyers Volksbüchern u.a.; letzte russische Ausg., Petersb. 1896). Bei der Ausführung erregte das Stück in den Kreisen der russischen Bureaukratie einen solchen Sturm von Unwillen, daß G. es nur der persönlichen Einmischung des Kaisers Nikolaus verdankte, daß kein Verbot der fernern Ausführung erfolgte. Von 1836 an verbrachte er die folgenden zehn Jahre meist im Ausland, wo er auch sein Hauptwerk schuf: »Tote Seelen«, ein unvollendet gebliebenes Sittengemälde voll köstlicher satirischer Typen (Teil 1, 1842; deutsch von Löbenstein, Leipz. 1846). 1848 machte G., der mittlerweile das Opfer eines inhaltsarmen religiösen Mystizismus geworden war, eine Reise nach Jerusalem und kehrte dann nach Moskau zurück, wo er, geplagt von mystischen Halluzinationen und Gewissensskrupeln, einem Nervenfieber erlag. G. war eine genial angelegte realistische Dichternatur, die, aus Mangel einer umfassendern, tiefern geistigen Ausbildung, nach den Jahren frischer, unbewußter Schaffenskraft auf den Irrweg einer verderblichen einseitigen Gedankenrichtung geriet, in der sein mächtiges Talent zugrunde ging. Ein trauriges Denkmal dieser Verirrung sind die 1847 herausgegebenen »Auserlesenen Stellen aus dem Briefwechsel mit seinen Freunden«, in denen er geistigen Stillstand, religiöse Askese, absolute politische Unterordnung unter die Staatsgewalt predigt. Nächst den »Toten Seelen« ist Gogols bedeutendstes Werk die erwähnte, später neu bearbeitete Erzählung »Taras Bulba«, ein mit dramatischer Kraft und feuriger Farbenpracht ausgeführtes Gemälde des alten Kosakentums in der Ukraine (deutsch von Bode, Leipz. 1846). Nächst Puschkin und Turgenjew ist G. der populärste russische Schriftsteller. Seine Werke werden fortwährend neu aufgelegt und wurden auch mehrfach ins Deutsche übersetzt (neuerdings in Reclams Universal-Bibliothek, in der Kollektion Spemann und in Meyers Volksbüchern u.a.). Die erste Gesamtausgabe erschien Petersburg 1842, die beste ist die kritische (10.) Ausgabe von N. Tichonrawow (1893, 5 Bde. und 2 Ergänzungsbde.), die letzte (15.) die der »Niva« (1900, 12 Bde.) mit Biographie von B. Schenrok. Vgl. P. Kulisch, Aufzeichnungen über das Leben N. W. Gogols (Petersb. 1856, 2 Bde.); Schenrok, Materialien zur Biographie Gogols (Moskau 1892–93, 2 Bde.): Mlle. Raina Tyrnéva, Nic. G., écrivain et moraliste (Aix 1901).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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