Fischkrankheiten


Fischkrankheiten

Fischkrankheiten. In der freien Natur werden kranke Fische selten beobachtet, weil jeder kranke und daher schwache Fisch seinen Feinden unrettbar verfallen ist und von ihnen noch vor seinem Tod aufgefressen wird. In Fischteichen und Fischzuchtanstalten, wo die Fische vor ihren großen Feinden zwar beschützt, aber auf engen Räumen zusammengedrängt gehalten und mit künstlichem Futter genährt und gemästet werden, so daß die Widerstandsfähigkeit der Fische gegen Krankheitserreger geschwächt und die Übertragung der letztern erleichtert wird, fordern F. alljährlich bedeutende Opfer, deren praktischer Wert sich steigert, je mehr die Fischzucht an Umfang und Intensität zunimmt.

Freilich fehlen auch in der freien Natur Epidemien unter den Fischen keineswegs. So wurden 1837,1851 und 1880 riesige Massensterben in der Walfischbai beobachtet. Die Fischleichen lagen so dicht geschichtet an der Oberfläche, daß nirgends mehr das Wasser zu erblicken war. Die faulenden Massen verpesteten die Luft derart, daß es über 50 km landeinwärts zu riechen war. Die Umgebung der Bai war noch ein Jahr nach dem Fischsterben mit Skeletten förmlich gepflastert, ja stellenweise waren diese zu niedrigen Wällen aufgetürmt. Auch unsre Flüsse sind zuweilen der Schauplatz umfassender Fischepidemien, so z. B. die Mosel, in der die Barben von der sogen. Beulenkrankheit seit den letzten drei Jahrzehnten wiederholt dezimiert worden sind, so daß in einzelnen Jahren, z. B. 1885 und 1886,20–30,000 tote Fische in wenigen Wochen unterhalb Metz aufgesammelt wurden. Schwere Opfer hat auch die Lachspest unter den Lachsen in schottischen Flüssen namentlich 1877–82 gefordert. Auch in Seen sterben zuweilen einzelne Fischarten, wie Hechte, Barsche, Zander, Weißfische etc. an bestimmten Krankheiten massenhaft, abgesehen davon, daß in besonders kalten Wintern in flachen Seen und Teichen infolge von Sauerstoffmangel unter der dicken Eisdecke alle Fische umstehen können, eine Erscheinung, die in sibirischen Gewässern keineswegs selten ist.

Die großen Fischepidemien werden zumeist von Bakterien, seltener von Sporentieren (Sporozoen) verursacht. Bisher sind 14 für Fische pathogene Bakterienarten genau beschrieben worden, während noch eine Reihe von F. bekannt sind, die sicher auf noch unerforschte Bakterienarten zurückgeführt werden müssen. Die bekanntesten durch Bakterien bedingten Krankheiten der Fische sind die Furunkulose, von der namentlich die Forellen und Bachsaiblinge in den Fischzuchtanstalten zu leiden haben, die Rotseuche der karpfenartigen Fische, eine häufige Hälterkrankheit, die Rotseuche der Aale, an der schon wiederholt viele Tausende von Aalen zugrunde gegangen sind sowohl an der Ostseeküste als besonders in der Gegend von Comacchio, dem größten Aalfangplatz der Welt, die Lachspest, die Schuppensträubung der Weißfische etc.

In ihrer Wirkung meist viel weniger zerstörend, aber dafür in ihrem Vorkommen viel häufiger, sind die Sporentiere (Sporozoen) als Krankheitserreger, besonders die bei den Fischen so weitverbreiteten Myxosporidien, die lange Zeit nur in Gestalt ihrer Sporen unter dem Namen der Psorospermien bekannt waren. Sie befallen alle Organe ohne Ausnahme und können schwere Erkrankungen im Gefolge haben, so die bereits erwähnte Beulenkrankheit der Barben, hervorgerufen durch Myxobolus Pfeifferi, welcher Parasit sich in nuß- bis hühnereigroßen Cysten in den Muskeln der Barben ansammelt und Beulen erzeugt, die allmählich platzen und sich in Geschwüre verwandeln; ferner die Drehkrankheit der Regenbogenforellen, eine weitverbreitete Krankheit, bei der durch Myxobolus chondrophagus die Bogengänge des Gehörlabyrinths zerstört werden, so daß die Fische deshalb unkoordinierte Kreiselbewegungen ausführen; ferner die Pockenkrankheit der Karpfen, diese Geißel der Karpfenzucht, bei der die Karpfen auf der Haut einen Ausschlag bekommen in Gestalt trübweißlicher, über die Haut hervorragender Flecken, die oft den ganzen Körper bedecken können. Diese Hautkrankheit ist nur eine sekundäre Begleiterscheinung einer innern, durch Myxobolus cyprini verursachten Nierenerkrankung, welche die Karpfen nicht nur in ihrem Wachstum hindert, sondern oft in Massen zugrunde richtet. Die Krankheit ist in allen karpfenzüchtenden Distrikten Europas weitverbreitet.

Neben den Bakterien und Sporozoen sind in dritter Linie als Krankheitserreger die zur Familie der Saprolegniazeen gehören den Fadenpilze zu nennen, die sich sowohl an der Haut als an den Kiemen festsetzen, in die Tiefe wuchern und die Fische schließlich zugrunde richten. Verpilzungen sind bei den Fischen wohl die häufigsten Krankheiten, obwohl die Saprolegnien an völlig gefunden Fischen nicht Fuß fassen können, sondern sich immer nur dann einfinden, wenn die Fische bereits durch andre Krankheiten oder durch ungünstige Lebensbedingungen geschwächt sind. Große Bedeutung haben als Krankheitserreger auch einzelne Infusorien, wie Ichthyophthirius multifiliis, Chilodon cyprini, unter den Flagellaten die Costia necatrix, von denen namentlich die Fische in Aquarien, Hältern und kleinern Teichen zu leiden haben.

Ungemein zahlreich sind bei den Fischen tierische Parasiten aus der Gruppe der Krebse und Würmer. Von parasitischen Krebsen sind an der Haut und an den Kiemen der Fische bereits über 500 Arten beschrieben worden, und die Zahl der parasitischen Würmer übersteigt allein bei den Süßwasserfischen 300 Arten. Glücklicherweise werden die meisten derselben, wenn sie nicht, was hier und da vorkommt, in ungeheuern Massen auftreten, meist gut von den Fischen ertragen, besser sogar als von höhern warmblütigen Tieren. Doch sind manche Schmarotzer, wie z. B. die Karpfenlaus (Argulus foliaceus) oder die Renkenlaus (A. coregoni), ferner die Egel (Piscicola geometra) arge Plagegeister, indem sie den Fischen nicht nur Blut entziehen, sondern wie die Egel noch dazu andre Blutparasiten (Trypanosomen) beim Saugen übertragen, die schwere Anämien zur Folge haben können. Anämische Zustände mit tödlichem Ausgang werden von manchen Saugwürmern (Trematoden), wie z. B. Oktobotrien, hervorgerufen, während andre Saugwürmer, wie die Dactylogyrus- und Gyrodactylus-Arten, als gefürchtete Plage der Aquarienfische bekannt sind. Hochgradige Krankheitserscheinungen veranlassen auch die Larven einzelner Bandwurmarten, die wie der Riemenwurm (Ligula simplicissima) in der Leibeshöhle vieler Fische, wie Brachsen, Plötzen, Döbel, Barsche, Zander, Weise, Saiblinge, Renken etc., oft so massenhaft vorkommen, daß sie die Bauchwand der Fische zum Platzen bringen. In Karpfenteichen, auf denen viel Wassergeflügel verkehrt, können diese Bandwurmlarven, die in Wasservögeln, wie Enten, Tauchern, Reihern, Möwen etc., geschlechtsreif werden, zuweilen so massenhaft auftreten, daß die Fische überhaupt nicht mehr wachsen, sondern sogar in Mengen absterben. Abschießen der Vögel hindert die Krankheit an der Weiterverbreitung.

Außer parasitären und Infektionskrankheiten treten bei den Fischen auch schwere und vielfach tödlich verlaufende Erkrankungen, z. B. Entzündungen und Katarrhe an Magen und Darm infolge ungeeigneter Fütterung mit verdorbener oder unrichtig zubereiteter, resp. falsch zusammengesetzter Nahrung, überhitztem Fleischmehl etc., auf, worunter namentlich die junge Brut während der ersten Monate ihres Lebens bei der Aufzucht zu Jährlingen zu leiden hat. Diese Krankheiten haben in der Fischzucht eine große praktische Bedeutung, ebenso wie die gleichfalls nicht seltenen Erkrankungen der Geschlechtsorgane und ihrer Produkte, Eier und Samen, die durch unzweckmäßige Ernährung, wie z. B. Mast, Fütterung zur Laichzeit etc., und auch ungeeignete Haltung der Mutterfische hervorgerufen werden. Weitverbreitet sind auch Erkältungskrankheiten, welche die Fische gewöhnlich auf dem Transport bekommen, wenn sie aus warmen Teichen plötzlich in kaltes Transportwasser übertragen werden. Dann stirbt nicht nur die Haut ab, wie das beim Karpfen die Regel ist, sondern es kann bei größern Temperaturdifferenzen von ca. 10° bei Forellen unmittelbar der Tod eintreten. In den Stubenaquarien lassen die Goldfische ihr Leben der Hauptsache nach infolge von Erkältung, weil bei dem täglichen plötzlichen Wasserwechsel auf einen langsamen Temperaturausgleich keine Rücksicht genommen wird.

Die Krankheiten der Fische sind z. T. heilbar. So können z. B. die Saprolegnien durch kurze Waschungen mit 1proz. Lösungen von übermangansaurem Kali und darauffolgende halbstündige Bäder in Lösungen dieses Salzes (1: 100,000) beseitigt werden. Fischegel und die parasitischen Haut- und Kiemeninfusorien und Flagellaten werden durch halbstündige Bäder in 21/2-3 proz. Kochsalzlösungen vertrieben; die Saugwürmer auf Haut und Kiemen sterben in 1/2proz. Bädern von Salizylsäure nach ca. 1/2 Stunde. Sind Aquarien oder größere Fischhälter sowie Teiche verseucht, so müssen sie, um Wiederholungen der Krankheiten vorzubeugen, desinfiziert werden, wozu sich am besten Kalkmilch eignet, deren ätzender Wirkung alle Krankheitserreger, selbst die Bakterien erliegen. Vgl. Hofer, Handbuch der F. (Münch. 1904).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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