Ferrāra [2]


Ferrāra [2]

Ferrāra, Hauptstadt der gleichnamigen ital. Provinz (s. oben), in sumpfiger, aber fruchtbarer Ebene, nur 2,4 m über dem 50 km entfernten Meer, an einem Arme des Po, an den Eisenbahnlinien Padua-Bologna, F.-Rimini und F.-Suzzara, hat breite, gerade Straßen und große, aber öde Plätze, unter denen sich die Piazza Ariostea mit einer Statue des Dichters auszeichnet. Die Befestigungen nebst der Zitadelle sind jetzt ohne Bedeutung. Unter den Kirchen sind die bemerkenswertesten: der Dom (aus dem 12. Jahrh.), teils im romanischen, teils im gotischen Stil (mit spätern Umbauten im Renaissancestil), reich an Bildern und Fresken von Garofalo, Francia etc. und andern Kunstwerken sowie einem schönen Glockenturm im Renaissancestil aus dem 16. Jahrh.; ferner die dreischiffige Kirche San Francesco (im Renaissancestil, 1494–1530); die Kirche San Benedetto, mit gotischer Fassade, von 1500, innen eine Pfeilerkirche mit flacher Decke; die prächtige Säulenbasilika Santa Maria in Vado; die Friedhofskirche, ehemals Kartäuserkloster San Cristoforo, ein schöner Renaissancebau von 1498 bis 1553, und die alte, jetzt modernisierte Kirche San Giorgio vor der Porta Romana, die bis 1135 Kathedrale war. Unter den weltlichen Gebäuden behauptet das Castello, der alte herzogliche Palast, jetzt Sitz der Behörden, im gotischen Stil (aus dem 14. u. 15. Jahrh.), mit vier gewaltigen Ecktürmen besetzt und von einem breiten und tiefen Graben umzogen, den ersten Platz. Er wurde von Nikolaus von Este erbaut, später, nachdem 1554 eine Feuersbrunst den größten Teil des Innern verzehrt hatte, durch Giordano da Carpi erneuert und enthält mehrere Säle mit Deckenfresken von Dosso Dossi. Vor dem Kastell erhebt sich das Marmorstandbild Savonarolas (1875 errichtet). Andre hervorragende Gebäude sind: der Palazzo Comunale, der erste Sitz der Este; der gotische Palazzo della Ragione (Justizpalast), die Palazzi Scrofa, Schifanoja, Roverella, das Studio Pubblico oder Universitätsgebäude, der Palazzo dei Diamanti (1493–1567), mit der Gemäldesammlung des Ateneo Civico, und das Theater. Im St. Annenhospital ist die Zelle, in der Tasso 7 Jahre lang als angeblich Wahnsinniger gefangen saß; auch das Haus Ariosts und das des Dichters Guarini sind noch erhalten. F., das im 16. Jahrh. über 100,000 Einw. zählte, hatte 1901 ca. 33,500, als Gemeinde 87,648 Einw. Von höhern Bildungsanstalten besitzt es eine Universität (s. unten), ein Lyzeum, Gymnasium, ein Technisches Institut, eine Techn ische, eine Kunst- und eine Musikschule. Die 1391 gestiftete, 1824 wiederhergestellte freie Universität mit (1896) 79 Studenten umfaßt drei Fakultäten (juristische, medizinisch-chirurgische, mathematisch-naturwissenschaftliche) und eine pharmazeutische Schule. Die dazu gehörige Bibliothek enthält gegen 100,000 Bände, seltene Inkunabeln und ca. 2000 Manuskripte. Die Sala Ariostea enthält das Grabdenkmal Ariostos und andre Ariostreliquien. F. ist der Sitz des Präfekten, eines Erzbischofs, eines Zivil- und Korrektionstribunals, eines Assisenhofs, eines Handelsgerichts, einer Finanzintendanz und einer Handelskammer. Es hat Mühlen und Fabriken für Teigwaren, Wirkwaren, Hanfgespinste, Seilerwaren und Seife. Außerhalb der Stadt liegt die Villa Belriguardo, bei Goethe der Schauplatz der Liebe Tassos zu Leonore von Este. F. ist Geburtsort des Reformators Savonarola, des Dichters Guarini u. a.

Geschichte. F. wird erst seit dem Mittelalter sicher erwähnt. 757 trat der Langobardenkönig Desiderius F. an die römische Kirche ab, und von den Päpsten trugen im 11. Jahrh. die Markgrafen aus dem Hause Canossa Stadt und Grafschaft zu Lehen. Im 12. Jahrh. gewann die Stadt munizipale Selbständigkeit und gehörte unter Friedrich I. dem Lombardischen Bund an, doch hielten die Päpste ihre alten Ansprüche aufrecht. 1208 wurde wohl mit Zustimmung der Kirche der Markgraf Azzo von Este zum Herrn der Stadt erhoben; später trat während der Kämpfe Friedrichs II. mit der Kirche F. auf Seite des Kaisers und vertrieb Azzo, wurde aber von diesem 1240 wieder erobert und seitdem ständig von den Este behauptet, die von den Päpsten das Vikariat in F. zu Lehen erhielten und hier ihre Residenz aufschlugen, indem sie F. zu einem glänzenden Fürstensitz umschufen. 1471 erhob Paul II. den Markgrafen Borso zum erblichen Herzog von F. (s. Este, S. 126). Beim Erlöschen des Hauptstammes der Este (1597) zog Clemens VIII. das Herzogtum als erledigtes Lehen ein und schlug es zum Kirchenstaat. 1796 von den Franzosen eingenommen, bildete F. einen Teil der Zisalpinischen Republik, dann des Königreichs Italien, kam aber durch den Wiener Kongreß bis auf den im Norden des Po liegenden, mit dem Lombardisch-Venezianischen Königreich vereinigten Teil wieder unter die Herrschaft des Papstes. Die Österreicher erhielten das Besatzungsrecht in der Zitadelle von F.; als sie nach der Schlacht bei Magenta abzogen, riß sich F. 1859 vom Kirchenstaat los und wurde nebst der Romagna mit dem Königreich Italien vereinigt. Vgl. Frizzi, Memorie per servire alla storia di F. (2. Aufl., Ferrara 1847–50, 5 Bde.); Agnelli, F. e Pomposa (Bergamo 1902); G. Gruyer, L'art ferrarais à l'époque des princes d'Este (Par. 1897, 2 Bde.); Antolini, F. negli ultimi anni del secolo XVIII. (Ferrara 1900).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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