Elektrotherapie


Elektrotherapie

Elektrotherapie, die Anwendung der Elektrizität zu Heilzwecken, begann in zielbewußterer Weise am Ende des 18. Jahrh., angeregt durch die bekannte Beobachtung Galvanis und durch die Erfindung der Voltaschen Säule. Allein die Ergebnisse blieben wegen der unzureichenden Instrumente, der unvollkommenen Kenntnis der Krankheiten, nicht zum wenigsten wegen schwindelhafter Ausbeutung der Methode durch Unberufene zunächst unbefriedigend. Mit der Entdeckung der magnetischen Wirkung elektrischer Ströme (Oerstedt 1820) und der Induktionselektrizität durch Faraday (1831) begann ein neuer Aufschwung der E. Duchenne wies nach, daß man den faradischen Strom auf bestimmte, bis zu einer gewissen Tiefe unter der Haut liegende Punkte einwirken lassen könne, wenn man die mit feuchten Leitern umhüllte Spitze des stromzuführenden Instruments (Elektrode) über das zu reizende Organ auf die Haut aufsetzt (1855). Remak zeigte dann, daß die für die Erzeugung kräftiger Muskelkontraktionen günstigsten Punkte den Eintrittsstellen der motorischen Nerven entsprechen, und bildete ferner für die Anwendung des teilweise wieder in Vergessenheit geratenen, von nun an aber in den Vordergrund tretenden galvanischen Stromes rationelle Beobachtungs- und Untersuchungsmethoden aus. Die weitere wissenschaftliche Entwickelung der E. ist besonders den Physiologen Dubois-Reymond, E. Pflüger, den Klinikern Ziemssen, Benedikt, Erb etc. zu verdanken. Gleichzeitig machte die technische Ausbildung der elektrotherapeutischen Methodik wichtige Fortschritte: namentlich die Herstellung der nach Milliamperes (1/1000 Ampere) graduierten absoluten Galvanometer, die eine genaue Dosierung der Stromstärke gestatten und die hierdurch möglich gewordene Berechnung der Stromdichte (der durch Stromstärke und Querschnitt des zuleitenden Apparates [Elektrodenplatte] bedingten Konzentration des Stromes) wurden bedeutungsvoll. Sie wurden vor allem auch die Vorbedingung zur Ausbildung der Elektrodiagnostik, die durch Anwendung der verschiedenen Stromarten, verschiedener genau bestimmter Stromstärken, durch Beobachtung der verschiedenen Polwirkung an den Nervenreizpunkten ein wesentliches Hilfsmittel für die Diagnose und Voraussage (Prognose) der Nervenkrankheiten geworden ist (s. auch Entartungsreaktion). Mit der technischen Vervollkommnung hielt freilich die theoretische Begründung der E. nicht gleichen Schritt, und es kam so weit, daß neuerdings der Erfolg der E. bei Nervenkrankheiten vereinzelt als lediglich auf Suggestion beruhend hingestellt wurde.

Die Anwendung des galvanischen (konstanten) Stromes erfolgt durch Zuleitung mittels umflochtener Kupferschnüre und verschieden großer metallener, mit wasseraufsaugenden Stoffen bezogener Platten (Elektroden) aus einer galvanischen Batterie oder aus einer Starkstromleitung mit Hilfe von Regulierwiderständen und eines absoluten Galvanometers. Bei Behandlung innerer Organe (Mastdarm, Magen) gebraucht man auch stab- und schlauchförmige Elektroden. Um den ganzen Körper durchströmen zu lassen, benutzt man am besten das Zweizellenbad. Hierbei befindet sich der Körper in einer nicht leitenden Badewanne, in deren Mitte eine quergestellte senkrechte Wand angebracht ist, mit einem ovalen Ausschnitt, der in der Nabelgegend mittels eines gut anliegenden Gummieinsatzes den Körper umschließt. Die ziemlich starken Ströme durchfließen, zugeleitet durch das Wasser, das dabei gleichsam große Elektroden darstellt, den gesamten Körperquerschnitt. Weniger zweckmäßig ist es, nur den einen Pol in das Wasser zu versenken und den andern außerhalb des Wassers an einer mit den Händen zu erfassenden Stange anzubringen, da bei der großen in Händen und Armen herrschenden Stromdichte hier der differente Pol liegt, das Wasser dagegen als indifferenter Pol wirkt. Diese Unterscheidung des differenten (wirksamen) und des indifferenten (unwirksamen) Poles beruht darauf, daß dieselbe Stromstärke, zusammengedrängt auf einen kleinen Elektrodenquerschnitt, durch die erreichte hohe Stromdichte eine weit stärkere Wirkung erzielt als bei Zuleitung mittels einer großen Elektrode, bei der die auf einen großen Querschnitt sich verteilende Elektrizitätsmenge unter der Wirksamkeitsschwelle bleibt. Will man daher eine eng umschriebene Stelle des Körpers wirksam durchströmen, so wählt man hier eine kleine Platte und setzt die andre Elektrode als große Platte auf den Rumpf. Zu unterscheiden ist ferner die Wirkung des positiven und des negativen Poles. Am isolierten Nerv setzt der positive Pol die Erregbarkeit herab, der negative steigert sie. Die motorische Reizwirkung (bei Auslösung von Muskelzuckungen) des letztern übertrifft die des erstern. Wenn auch reine Polwirkungen am intakten Körper, wo die Pole nicht unmittelbar an die Organe angelegt werden können, nicht zu erzielen sind, so muß die Wahl der Stromrichtung jedesmal dem vorliegenden Zweck (z. B. Beruhigung bei Schmerzen, Anregung bei Lähmungen) angepaßt werden. Die Wirkung des galvanischen Stromes beruht zum großen Teil jedenfalls auf der erwähnten spezifischen Reaktion der nervösen Organe, indem diese in ihrer Erregbarkeit gefördert oder gehemmt werden können. Chemische Änderungen in den durchströmten Teilen durch Elektrolyse der Körpersäfte sind jedenfalls vorhanden, aber in Anbetracht der schwachen Ströme nicht bedeutungsvoll. Ferner kommt die vorteilhafte Wirkung der Übung daniederliegender Funktionen (Reizung gelähmter Muskeln) in Betracht. Auch die Zirkulation kann durch Reizung der Gefäßnerven beeinflußt werden; die Erregung der Gefühlsnerven kann, wie andre Hautreize, ableitend wirken. Die Galvanisation findet ihre Anwendung bei Rückenmarksleiden, Erkrankungen der peripheren Nerven und der Muskeln, bei Neuralgien etc.

Der faradische Strom wird von der sekundären Rolle eines Induktionsapparats entnommen, in dem mittels eines Neefschen Hammers der primäre Strom der Elemente unterbrochen und die Stärke des induzierten Stromes durch Verschiebbarkeit der sekundären Spule reguliert wird. Man unterscheidet wie beim galvanischen Strom die differente und indifferente Elektrode. Die Wirkung beruht vor allem auf der durch den motorischen Reiz herbeigeführten Gymnastik gelähmter Muskelgebiete, auf dem Hautreiz und der dadurch erzielten Ableitung. Auch soll die Anspruchsfähigkeit gelähmter Muskeln und Nerven erhöht werden. Die Anwendungsweisen sind ähnlich wie beim galvanischen Strom, besonders beliebt ist die allgemeine Faradisation im Bad und mittels einer gleitenden (labilen), d.h. über weite Hautstrecken fortbewegten Elektrode (zweckmäßig in Rollenform). Angezeigt ist die Faradisation besonders bei gelähmten Gliedern, bei Neurasthenie und Hysterie. Der galvanische und der faradische Strom werden auch gleichzeitig (gemischter Strom) angewendet.

Die durch manche Erfahrungen empfohlene Wirkung des elektrischen (galvanischen) Stromes auf Entzündungsherde, Exsudate, Geschwülste etc. ist noch nicht hinreichend erklärbar. Sie beruht vielleicht zum kleinen Teil auf Elektrolyse der Gewebe und auf Kataphorese (s. unten), zum größten Teil wohl auf direkter oder reflektorischer Gefäßerweiterung und dadurch entstandener Hyperämie. Man faßt diese Wirkungen wohl auch als katalytische zusammen.

Die elektrolytische Zerlegung der Gewebe (Elektrolyse) wird in stärkerm Grad erreicht, wenn man die differente Elektrode zur Erzielung großer Stromdichte sehr klein wählt. Gibt man ihr die Form einer Nadel (aus Platin oder Stahl), so bewirkt sie, in Warzen, Geschwülste, Haarwurzeln (bei störender Haarbildung), Wucherungen der Nase, Gebärmuttermyome etc. eingestochen, als negativer Pol Zersetzung und Verflüssigung des Gewebes, als positiver Zerstörung unter Gerinnung und Blutstillung. Durchtränkt man die Elektroden mit geeigneten arzneilichen Substanzen, so werden diese durch den Strom elektrolytisch zerlegt und mit ihm in den Körper eingeführt (Kataphorese). Diese Methode hat jedoch bis jetzt keine Vorzüge vor einfachern Anwendungsarten der Arzneien gezeigt. Sie dient auch zur Beförderung der Resorption in Sublimat- und Eisenbädern.

Seltener wird die statische Elektrizität in der Medizin angewendet (Franklinisation). Der auf einer Gummiplatte isolierte Kranke wird mittels einer Influenzmaschine positiv oder negativ geladen; Annäherung einer mit dem entgegengesetzten Pole verbundenen Elektrode (Platte oder Spitze) bewirkt Ausgleichung der Ladung; dabei empfindet der Kranke in der Nähe der Elektrode ein rieselndes oder kühlendes Gefühl. Eine knopfförmige Elektrode bewirkt unter starker Hautreizung Funkenentladung. Die Franklinisation wird besonders bei Kopfschmerzen, Neuralgien, Hysterie angewendet; ihre Wirkung beruht mindestens zum großen Teil auf Suggestion.

Als sinusoidale Faradisation (Voltaisation) bezeichnet man die Anwendung von Wechselströmen und Drehströmen (dreiphasigen Wechselströmen), wie solche von Wechsel- und Drehstromzentralen geliefert werden, oder auch durch einen Gleichstrom-Wechselstrom-Transformer aus einer Gleichstromleitung entnommen werden können. Während beim gewöhnlichen faradischen Strom die Spannungskurve sehr ungleichmäßig verläuft, indem schwache Schließungsströme mit entgegengesetzten sehr stark und plötzlich einsetzenden Öffnungsströmen abwechseln, verlaufen die Sinusoidalströme in entgegengesetzten, gleichmäßig an- und abschwellenden Impulsen von gleicher Spannung. Beim dreiphasigen Strom verschlingen sich drei derartige Ströme, die um je ein Drittel der ganzen Schwingungsperiode gegeneinander verschoben sind. Durch besondere Vorrichtungen können auch gleichgerichtete Sinusoidalströme mit wellenförmigem An- und Abschwellen erzeugt werden, denen wie dem galvanischen Strom auch die Fähigkeit der Elektrolyse und Kataphorese zukommt. Den Sinusoidalströmen werden besondere, großenteils noch zu erweisende Vorteile vor der gewöhnlichen Faradisation zugeschrieben; sie werden bei weit größerer Stärke wie diese letztere vertragen, ohne Schmerz zu erregen. Auch in Bädern werden diese Ströme angewendet.

Wechselströme von sehr hoher Frequenz (Polwechselzahl) werden nach dem Vorgange von d'Arsonval (1892) bei der Arsonvalisation gebraucht. Man erzeugt die Stromumkehrung durch Funkenentladung zwischen Kondensatoren und läßt diese Entladungen auf Solenoide einwirken, in denen durch Selbstinduktion Wechselströme von hoher Spannung entstehen. Da die Funkenentladung eine Reihe von sehr raschen Oszillationen darstellt, so ändern die erzielten Ströme in einer Sekunde hunderttausend- bis millionenmal die Richtung. Läßt man diese Ströme auf einen Menschen einwirken, indem man denselben in ein großes von solchen durchflossenes Solenoid (Holzgerüst, um das eine Drahtspirale läuft) bringt, so entstehen Induktionsströme im Körper: allgemeine Arsonvalisation. Bei der lokalen Arsonvalisation werden mittels einer mit dem Solenoid verbundenen Elektrode Büschel- und Funkenentladungen auf umschriebene Körperstellen übergeleitet. Gegenüber der vom Erfinder behaupteten Steigerung des Blutdruckes und des Stoffwechsels häufen sich mehr und mehr die Nachprüfungen, in denen eine solche nicht wahrgenommen werden konnte; dagegen mag eine beruhigende Wirkung bei nervösen Störungen, z. B. bei Neuralgien, besonders aber bei Hautneurosen (Pruritus) tatsächlich vorhanden sein. Ein endgültiges Urteil ist noch nicht möglich. – Elektromagnete kommen in der Augenheilkunde zur Anwendung bei Entfernung von Eisensplittern, die in den Augapfel eingedrungen sind. Unter dem Namen Permeaelektrotherapie (System Konrad Müller) wird eine von einem Schweizer Ingenieur erfundene Methode zu Heilzwecken empfohlen, bei der der Körper der Kranken sich in einem starken, rasch wechselnden Magnetfeld befindet. Dies wird erzeugt, indem ein sehr starker elektrischer Strom einen Eisenkern in Drahtspiralen umkreist und in einer Sekunde ungefähr 60mal die Richtung wechselt, so daß jeder Pol in rascher Folge Nord- und Südpol wird. Das Verfahren soll eine vorwiegend beruhigende Wirkung haben, sich daher bei Neuralgien schmerzstillend, auch Schlaf befördernd erweisen. Ausgedehntere Erfahrungen über den Wert der Methode stehen noch aus; frühere mit andern, schwächer wirkenden Vorrichtungen angestellte Untersuchungen über die physiologischen Wirkungen magnetischer Wellen auf Organismen haben im wesentlichen negative Ergebnisse gehabt. – Über elektrische Lichtbäders. Lichttherapie. – Auch bei Tieren ist E. bereits mehrfach, anscheinend mit Erfolg, versucht worden.

Vgl. Duchenne, De l'électrisation localisée et de son application (3. Aufl., Par. 1872; deutsch von Erdmann, 3. Aufl., Leipz. 1860); Remak, Galvanotherapie der Nerven- und Muskelkrankheiten (Berl. 1858); Ziemssen, Die Elektrizität in der Medizin (5. Aufl., das. 1887); Erb, Handbuch der E. (2. Aufl., Leipz. 1886); M. Meyer, Die Elektrizität in ihrer Anwendung auf praktische Medizin (4. Aufl., Berl. 1883); Lewandowski, Elektrodiagnostik und E. (2. Aufl., Wien 1892); Rosenthal u. Bernhardt, Elektrizitätslehre für Mediziner und E. (3. Aufl., Berl. 1883); Eulenburg, Die hydroelektrischen Bäder (das. 1883); Stein, Lehrbuch der allgemeinen Elektrisation (3. Aufl., Halle 1886); Pierson u. Sperling, Lehrbuch der E. (6. Aufl., Leipz. 1893); Hirt, Lehrbuch der Elektrodiagnostik und E. (Stuttg. 1893); Hoorweg, Die medizinische Elektrotechnik und ihre physikalischen Grundlagen (Leipz. 1893); Remak. Grundriß der Elektrodiagnostik und E. (Wien 1895); W. Biedermann, Elektrophysiologie (Jena 1895); Goldscheider u. Jakob, Handbuch der physikalischen Therapie. Allgemeiner Teil, Bd. 2 (Leipz. 1902); Cohn, Leitfaden der Elektrodiagnostik und E. (2. Aufl., Berl. 1902); Tereg, Grundriß der E. für Tierärzte (das. 1902); »Zeitschrift für E.« (hrsg. von Kurella, das., seit 1899).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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