Borgia


Borgia

Borgia (spr. bórdscha, span. Borja), aus Jativa bei Valencia in Spanien stammendes Adelsgeschlecht, das gegen 1500 in Italien mächtig wurde. Alfonso de B. bestieg 1455 als Calixtus III. (s.d.), sein Neffe Roderigo B. 1492 als Alexan der VI. (s. Alexander 9) den päpstlichen Stuhl. Des letztern 1474 geborner Sohn Giovanni (Juan) B. (der älteste, von andrer Mutter, Pedro Luis, starb vor 1491), nebst drei andern Kindern mit der Römerin Vanozza de' Catanei erzeugt, erhielt vom König von Spanien das Herzogtum Gandia in Valencia, 1494 vom König von Neapel das Fürstentum Tricarico und 7. Juni 1497 von seinem Vater das Herzogtum Benevent nebst Terracina und Pontecorvo, ward aber 15. Juni ermordet. Die schon 1498 auftretende Beschuldigung des Bruders Cesare B. (s. unten) ist nicht beweisbar.

Cesare B. (geb. 1475, gest. 12. Mär; 1507), schön und stark, hat le Sinn für Kunst und Wissenschaft, war freigebig, gewandt und beredt, aber jeder Freveltat fähig. Seinen Vater, den Papst, beherrschte er und leitete dessen eigennützige Familienpolitik. So erhielt er das Erzbistum Valencia und ward 1493 zum Kardinal ernannt. Aber nach Ermordung seines Bruders Giovanni gab Cesare 1498 seine Kirchenwürden auf und ging als Legat nach Frankreich, um dem König Ludwig XII. die erbetene Scheidungsbulle und die Erlaubnis zur Vermählung mit der Erbin der Bretagne zu überbringen, wofür ihn der König zum Herzog von Valence ernannte. Darauf verschaffte Ludwig ihm die Hand der Prinzessin Charlotte d'Albret, Schwester Johanns von Navarra, und nahm ihn 1499 mit sich nach Italien, wo er ihm ein Truppenkorps übergab. Mit diesem setzte sich Cesare seit 1499 in den Besitz von Imola, Forli, Rimini, Faenza etc., und ließ sich von seinem Vater zum Herzog der Romagna ernennen. 1501 entriß er Jakob von Appiano das Fürstentum Piombino; 1502 bemächtigte er sich durch Verrat des Herzogtums Urbino und der Mark Camerino, suchte aber vergeblich auch Bologna und Florenz unter seine Botmäßigkeit zu bringen. Als sich die Führer seiner Soldtruppen gegen ihn verschworen, lockte er sie nach Sinigaglia und ließ sie dort teils festnehmen, teils hinrichten (31. Dez. 1502). So auf dem Gipfel seiner Macht, verlor er 18. Aug. 1503 plötzlich deren Stütze, den Papst Alexander. Vater und Sohn sollten nach einem bald auftretenden Gerücht vergiftet, der Vater gestorben, der Sohn durch seine kräftige Natur gerettet worden sein. Wahr ist nur, daß auch Cesare damals längere Zeit krank lag, was wesentlich zur Vereitelung seiner Entwürfe beitrug. Nach der kurzen Regierung Pius' III. bestieg der kräftige Julius II. den päpstlichen Stuhl (31. Okt. 1503). Dieser, ein Gegner der B. und entschlossen, die Güter des Kirchenstaates wieder zusammenzubringen, ließ Cesare verhaften, der seine Freiheit erst wieder erhielt, nachdem er sich 29. Jan. 1504 verpflichtet hatte, die noch in seinem Besitz befindlichen Burgen der Romagna dem Papst auszuliefern. Darauf ging B. nach Neapel, wurde aber auf Befehl Ferdinands des Katholischen (27. Mai 1504) festgenommen und nach Spanien abgeführt. Dort saß er zwei Jahre lang gefangen auf dem Schloß Medina del Campo; im Oktober 1506 entfloh er zu seinem Schwager, dem König von Navarra, in dessen Dienst er bei der Belagerung von Viana fiel. Eine Schilderung Borgias gibt Machiavelli in seinem »Principe«. Vgl. »Leben des Cesare B., Herzogs des Valentinois« (Berl. 1782); Alvisi, Cesare B., duca di Romagna (Imola 1878); Yriarte, César B. (Par. 1889); Gobineau, César B. (in »La Renaissance«, das. 1877); Schubert-Soldern, Die B. und ihre Zeit (Dresd. 1902).

Seine Schwester Lucrezia B. (geb. 1478 oder 1480, gest. 24. Juni 1519) wird als eine schöne und anmutige, gebildete und kunstliebende Frau geschildert. Zweimal vorher verlobt, vermählte sie sich 1493 mit Johann Sforza, Grafen von Cotignola und päpstlichem Vikar in Pesaro, der sich 1497 von ihr scheiden lassen mußte. Alexander VI. vermählte sie 21. Juli 1498 mit Alfonso, Fürsten von Bisceglia, einem natürlichen Sohn des Königs Alfons II. von Neapel. Als ihr Gatte von ihrem Bruder Cesare ermordet worden war (18. Aug. 1500), schloß sie im Dezember 1501 eine dritte Ehe mit dem Erbprinzen Alfons von Ferrara, dem sie drei Söhne gebar. Ihr Name ist verrufen durch die Ausschweifungen, die sie zu Rom begangen haben soll; namentlich wird sie eines blutschänderischen Umganges mit ihrem Vater und ihrem Bruder Cesare beschuldigt. Indessen ermangeln diese Anklagen jeder Beglaubigung durch zeitgenössische römische Zeugen und müssen auf Verleumdungen zurückgeführt werden, die vielleicht zuerst von ihrem schwer gekränkten Gatten Johann Sforza ausgesprochen, dann durch die Feinde der B. (besonders den Dichter Pontano) in Umlauf gesetzt und schließlich in weiten Kreisen geglaubt wurden. Von Sannazaro stammt das boshafte Distichon als Aufschrift für ihren Leichenstein:


Conditur hoc tumulo Lucretia nomine, sed re

Thais, Alexandri filia, sponsa, nurus.


(»Hier ruht eine Lucrezia dem Namen nach, in Wahrheit eine Thais, Alexanders Tochter, Gattin und Schnurr.«)


Jedenfalls war das Heroische und Wildleidenschaftliche, das ihr die Überlieferung beilegt, ihrem Charakter fremd. In Ferrara gewann sie sich die Liebe des Volkes und die Verehrung eines Aldus, Bembo, Ariosto u. a. Ihre legendäre Geschichte ward von Victor Hugo zu einem Trauerspiel, von Donizetti zu einer Oper benutzt. Ihre Ehrenrettung versuchte zuerst Roscoe. Ihm folgten später Cerri (»Alessandro VI, Papa, e suoi contemporanei«, Turin 1858; 2. Aufl. 1873–74, 2 Bde.), CamporiUna vittima della storia, Lucrezia B.«, 1866), AntonelliLucrezia B. in Ferrara«, 1867), Zucchetti (»Lucrezia B., duchessa di Ferrara«, 1869), besonders aber der Engländer Gilbert in »Lucrezia B., duchess of Ferrara« (Lond. 1869; deutsch, Leipz. 1870) und Gregorovius (»Lucrezia B.«, 1.–3. Aufl., Stuttg. 1874, 2 Bde.). Vgl. Höfler, Don Rodrigo de B. und seine Söhne (Wien 1888).

Unter den folgenden Gliedern der Familie ist zunächst Francesco B. (geb. 1510), Herzog von Gandia, zu nennen, der aus einem in Spanien gebliebenen Zweig stammte. Er wurde von Karl V. 1540 zum Vizekönig von Katalonien ernannt, trat aber nach dem Tode seiner Gattin 1548 in den Jesuitenorden und wurde 1565 zu dessen drittem General erwählt. B. fügte dem Orden drei neue Provinzen hinzu und machte sich um das überseeische Missionswesen verdient. Er starb 1572 in Rom und wurde 1625 kanonisiert. Seine gesammelten Werke, meist asketischen Inhalts, wurden 1675 herausgegeben (vgl. Cepari, Vita di san Franc. B., Monza 1885; Bou, Saint François de B., Par. 1897). Sein Enkel Francesco B., öfter Borja geschrieben, Fürst von Squillace im Königreich Neapel, wurde 1614 Vizekönig von Peru, erwarb der spanischen Krone die Provinz Mayanas und gründete darin die Stadt Boria (Borga). Nach seiner Rückkehr aus Amerika (1621) zog er sich in das Stilleben der Wissenschaft und Kunst zurück und starb 26. Sept. 1658. Seine Gedichte (»Obrasen verso«, Madrid 1639, Antwerp. 1654 und 1664) zeichnen sich durch ihre Einfachheit aus. Ferner hat man von ihm ein Epos: »Napoles recuperada por el rey Don Alonso« (Saragossa 1651), eine Übersetzung des Thomas a Kempis etc. Ein Nachkomme von ihm, Alessandro B., geb. 1682 in Velletri, gest. 1764 als Erzbischof von Fermo, legte den Grund zu dem berühmten Museum B. zu Velletri und schrieb eine Geschichte dieser Stadt (Nocera 1723) und ein Leben Benedikts XIII. (Rom 1741).

Sein Neffe Stefano B., geb. 3. Dez. 1731, ward 1750 Mitglied der etruskischen Akademie zu Cortona und bereicherte das von seinem Oheim gegründete Museum, das 1822 für das königliche Museum in Neapel angekauft worden ist. Als Gouverneur von Benevent (seit 1759) schützte er 1764 Stadt und Gebiet durch weise Maßregeln vor drohender Hungersnot. 1770 von Clemens XIV. zum Sekretär der Propaganda ernannt, veranlaßte er die unter ihm stehenden Missionare, ihm aus den verschiedensten Gegenden Handschriften und Kunstwerke zuzuführen. Als Oberaufseher der Findelhäuser, wozu Pius VI. ihn 1789 mit Verleihung der Kardinalswürde ernannte, traf er zur Verpflegung und Fortbildung der Findelkinder treffliche Einrichtungen. 1798 durch die Franzosen aus Rom vertrieben, lebte er in Venedig und Padua, kehrte mit Pius VII. nach Rom zurück und starb auf dem Wege nach Paris, wohin er den Papst zur Krönung Napoleons I. begleiten wollte, in Lyon 23. Nov. 1804. Er schrieb: »Istoria della città di Benevento« (1763–69, 3 Bde.); »Monumento di Papa Giovanni XVI« (Rom 1750); »Breve istoria dell' antica città Tadino dell' Umbria« (das. 1751) und »Breve istoria del dominio temporale della sede apostolica nelle due Sicilie« (das. 1788). Sein Leben beschrieb Pater Paolino von San Bartolommeo (Rom 1805).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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