Birke


Birke

Birke (Betula Tourn., hierzu Tafel »Birke I u. II«), Gattung der Betulazeen, Bäume und Sträucher von sehr veränderlichem Habitus, mit einer meist in haut artigen Blättern sich lösenden, im Alter rissigen Rinde, ganzen, rauten- oder herzförmigen Blättern und männlichen Blütenkätzchen, die sich im Sommer entwickeln und den Winter hindurch geschlossen an den entlaubten Zweigen hängen, während die weiblichen Kätzchen erst im Frühling erscheinen. Die Früchte sind flach, ringsum zarthäutig geflügelt. Etwa 35 Arten. 1. Gruppe: weißbuchenblätterige Birken (Costatae), Bäume mit bräunlichgelber bis dunkelbrauner, selten hellgrauer Rinde und mehr als sieben oberseits vertieften Fiedernervenpaaren in den Blättern. Die Schwarz- oder Rotbirke (B. nigra L.), mit schon zeitig sehr rissigem, schwarzem Stamm, 20 m hoch, in Nordamerika von Kanada bis Florida, Teras, Minnesota. Die Zuckerbirke (B. lenta L.), rasch wachsender Baum, 24 m hoch, mit braunschwarzer, in dickern, breiten Stücken sich lösen der Rinde, die gewürzhaft und süß schmeckt, von Kanada bis Georgia und Alabama, westlich bis Minnesota, wird auf Zucker benutzt und liefert schönes rosafarbenes Nutzholz. Die Rinde diente den Indianern als Kaumittel und zur Bereitung erfrischender Getränke. Sie liefert bei Destillation ein ätherisches Öl (vgl. Birkenrindenöl). B. utilis Don. (Bhojpatra- oder Churjbirke), mit brauner Stammrinde, wird im Himalaja zur Anfertigung von Papier benutzt. 2. Gruppe: Weißbirken (Albae), Bäume, weniger Sträucher, mit kurzen Blättern und höchstens 6–7 Nervenpaaren. Die Papierbirke (ll. papyracea Ait.), 25 m hoher Baum mit weißer, in Häuten sich ablösender Rinde, in Kanada und in den nördlichen Staaten der Union, in Sibirien und Japan. Aus der Rinde fertigt man dauerhafte, sehr leichte Kanus. Die Weißbirke (Ruch-, Rauh-, Stein-, Winter-, Moor-, Maser-, Harzbirke, Maienbaum, nordische V., B. pubescens Ehrh., Tafel I, Fig. 3 u. 4, u. Tafel »Laubbäume im Winter I« bei Artikel »Baum«.) 20 m hoher Baum mit breitästiger, dichtverzweigter Krone und behaarten jungen Trieben und Blattstielen, in Mittel- und Nordeuropa, in West- und Nordasien bis Kamtschatka. Hierher gehören mehrere Formen (wie B. alba L., B. odorata Beehst. etc.). Einige sind strauchartig mit braungrauer oder braun und weiß gefleckter, nicht abblätternder Rinde, bei andern löst sich die Rinde in hautartigen weißen Blättern ab, auch gibt es Formen mit hängenden Zweigen. Der Name Ruchbirke bezieht sich auf die wachs- oder harzartige, wohlriechende Ausscheidung auf den jungen Blättern. Die Hängebirke (Trauerbirke, B. pendula Roth, B. verrucosa Ehrh., Tafel I, Fig. 1 u. 2, Tafel II, Fig. 1–15) ist der vorigen sehr ähnlich, doch sind die jungen Triebe und Blattstiele von Anfang an unbehaart und oft mit durch Verhärtung von Drüschen entstandenen Erhabenheiten besetzt. Der Baum hat eine mehr eiförmige Krone mit schwachen, oft tief herabhängenden Ästen. Er findet sich vorherrschend im mittlern Europa und im Orient, auch in Sibirien.

Die B. wächst in der Jugend schnell und erreicht ein Alter von 140 Jahren. Der selten gerade Stamm erreicht kaum mehr als 40 cm Durchmesser und treibt wenige starke Äste. Die B. hat sehr kleine Wurzelverbreitung; sie gedeiht am besten in frischem, nicht zu bindigem Lehm- und feuchtem, humusreichem Sandboden und verkrüppelt auf zu trocknem oder zu nassem Boden zum niedrigen Busch. Sie findet sich in Deutschland im Flachland und in Gebirgen, ihre Polargrenze stimmt mit der der Nadelhölzer nahe überein. Sie belaubt sich schon, wenn die Tageswärme über 7,5° steigt, und verliert ihre Blätter im Herbst, wenn dieser Wärmegrad nicht mehr erreicht wird. So dringt sie, wenigstens als Strauch, bis zu den baumlosen Polarländern vor. Ihre Vegetationszeit beträgt in Westeuropa über 6, in Lappland aber, wo sie die Baumgrenze erreicht, nur 3 Monate. An der Nordseite der Grimsel geht sie bis 1910 m, bei Hammerfest unter 701/2° nördl. Br. noch bis 250 m Höhe. Ostlich der Weichsel bildet sie ausgedehnte reine Bestände. Ihr Anbau in Deutschland datiert aus dem Anfang des 19. Jahrh., wo man die durch lange Mißwirtschaft ermüdeten und verödeten Waldböden wiederanzubauen suchte. Jetzt leistet sie als Mischholz im Hochwald, als Oberholz im Mittelwald, als Schutzbaum beim Schirmschlagbetrieb gute Dienste. Ihr Same, der schon von 20jährigen Bäumen reichlich erzeugt wird, keimt sehr leicht. Stockausschläge bilden sich nur an jungen Bäumen. Man erzieht die Birken durch Pflanzung zwei- bis fünfjähriger Pflänzlinge aus Schlägen, wo sie aus Anflug von selbst wachsen. Die B. ist Krankheiten wenig ausgesetzt und wird nur von der Raupe der Nonne und dem Birkensplintkäfer bisweilen geschädigt. Ihr dichtes, seines, sehr zähes Holz dient zu Leiterbäumen, Felgen, Deichseln, Radzähnen etc., wird aber in feuchter Luft sehr schnell morsch. Wimmerig gewachsenes Holz dient zu Möbeln, Maserholz (das auch als japanisches Muskatnußholz in den Handel kommt) zu Gewehrschäften, Pfeifenköpfen, Dosen etc. Als Brennholz gehört das Birkenholz zu den harten Hölzern. Birkenreiser werden zu Besen, Deckreisig und als Wieden zum Binden gebraucht. Die harzreiche weiße Rinde ist fast unverweslich, man legt sie den Schwellen und Balken unter, die feucht oder auf Steinen liegen, und benutzt sie zur Unterlage der Rasendächer. In nördlichen Ländern dient sie zu Gefäßen, Kleidungsstücken, Schuhen etc. Gerber benutzen sie als Zusatz zur Treibfarbe. Die Blätter dienen als diuretisches Mittel zur Schaffütterung und zur Bereitung von Schüttgelb. Ältere Stämme liefern im Frühjahr beim Anbohren das zuckerreiche Birkenwasser (s. d.). Aus Rinde und Wurzel erhält man durch trockne Destillation Birkenteer (s. d.) und Birkenöl. Ein aus dem Stamm gewonnenes Harz dient in Rußland gegen Gicht und scheint schon in vorgeschichtlicher Zeit als Amulett zu gleichem Zweck benutzt worden zu sein. Die Strauchbirke (B. fruticosa Pall.) ist strauchartig, hat stets mit weißen Erhabenheiten besetzte Zweige und nur in der Jugend schwach behaarte Blätter. Sie findet sich im Norden auf Maoren, im südlichen Sibirien, in Daurien und in der Mandschurei, aber auch auf den kalten Hochmooren Bayerns. 3. Gruppe: Zwergbirken (Humiles), bis 1,5, selten 3 m hohe, oft zwergige Sträucher, mit 2–4, selten 5–6 Blattnervenpaaren und aufrechten Kätzchen. Die Zwergbirke (B. nana L., Tafel II, Fig. 16), ein fast kriechender Strauch von höchstens 1 m Höhe, mit selten über fingerdick werdenden Stämmchen, kleinen, runden, sehr kurzgestielten, gekerbten Blättern, findet sich auf den höchsten Mooren des Riesengebirges, des Erzgebirges und des Harzes und auf den Alpen, in Norddeutschland auf einem Hochmoor des Kulmer Kreises, häufiger in Nordeuropa, Nordasien, Kanada und Grönland, wo sie 6 m Höhe erreicht, während sie auf Spitzbergen sehr klein bleibt. Aus den seinen Wurzeln verfertigen die Lappländer schöne Decken.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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