Solmisation


Solmisation

Solmisation, eine Jahrhunderte hindurch neben der Theorie der Kirchentöne unabhängig bestehende und dieselbe ergänzende Methode, die Bedeutung der Stufen der Grundskala für die Logik der Melodie zu lehren, nämlich mittels der sechs Silben ut, re, mi, fa, sol, la, angeblich nach den Anfangssilben eines Johanneshymnus: ut queant laxis resonare fibris mira gestorum famuli tuorum, solve polluti labii reatum, sancte Ioannes, den wenigstens schon Guido von Arezzo (1026) zur Verdeutlichung des Unterschiedes der Ganztöne und Halbtöne der Skala beim Unterricht verwendete. Je nachdem man diese sechs Stufennamen beginnend von C (Cantus naturalis) oder F (Cantus mollis) oder G (Cantus durus) den Tönen beilegte (s. Beispiel), hatten die Stufen der Skala andre Namen und andern Sinn.

Tabelle

Die noch im 18. Jahrh. üblichen zwei- und dreisilbigen Tonnamen C solfaut, A la mi re etc. erhielten den Musikern jederzeit die möglichen Umdeutungen (Mutationen) innerhalb der drei Hexachorde im Gedächtnis. Zur bequemen Demonstration der S. bediente man sich der sogen. Harmonischen Hand (s. d.). Weitere Transpositionen (z. B. ut = D oder = B) unterschied man als Musica ficta von diesen drei Formen. In Deutschland ist die S. nie sehr beliebt gewesen; dagegen verdrängten in Italien und Frankreich die Solmisationsnamen gänzlich die Buchstabennamen der Töne. Für das moderne System der transponierten Tonarten wurde die S. unbrauchbar und man sing daher schon im 16. Jahrh. an, den einfachen Silben ut, re, mi, fa, sol, la ein für allemal feststehende Bedeutung zu geben, um sie durch ♯ und ♭ beliebig verändern zu können; dabei bemerkte man, daß ein Ton (unser H) gar keinen Namen hatte; indem man nun auch diesem Ton einen Namen gab, versetzte man der S. den Todesstoß. Um 1550 soll Hubert Waelrant, ein belgischer Tonsetzer, die sogen. belgische S. mit den sieben Silben: bo, ce, di, ga, lo, ma, ni (Bocedisation) vorgeschlagen und eingeführt haben, während um dieselbe Zeit der bayrische Hofmusikus Anselm von Flandern für H den Namen si, für B aber bo wählte (beide galten nach alter Anschauung für Stammtöne). Ericius Puteanus stellte in seiner »Modulata Pallas« (1599) bi für H auf, Adriano Banchieri in der »Cartella musicale« (1610) dagegen ba und Pedro d'Urenna, ein spanischer Mönch um 1620, ni. Ganz andre Silben wünschte Daniel Hitzler (1628): la, be, ce, de, me, fe, ge (Bebisation), unserm A, B, C, D, E, F, G entsprechend, und noch Graun (1750) glaubte mit dem Vorschlag von da, me, ni, po, tu, la, be etwas Nützliches zu tun (Damenisation). Von allen diesen Vorschlägen, die man mit dem gemeinsamen Namen Bobisationen zusammenzufassen pflegt, gelangte schließlich nur der zu allgemeiner Geltung, die Silbe si für H zu setzen, die wie die übrigen Solmisationssilben dem erwähnten Johanneshymnus entnommen ist (die Anfangsbuchstaben der beiden Schlußworte: Sancte Ioannes).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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  • Solmisation — Solmisation, die Benennung der Töne beim Gesang, welche Guido von Arezzo erfand. Derselbe soll nämlich die älteren od. Gregorianischen Benennungen der Töne: A, B, C, D etc. od. das Abcdiren, als er sein Tonsystem in Hexachorde statt der vor ihm… …   Pierer's Universal-Lexikon

  • solmisation — [ sɔlmizasjɔ̃ ] n. f. • 1821; du v. solmiser (1812); de 2. sol et mi ♦ Mus. anc. Action de solfier dans le système de l hexacorde, avant l emploi de la gamme actuelle. solmisation [sɔlmizɑsjɔ̃] n. f. ÉTYM. 1821, in D. D. L.; …   Encyclopédie Universelle

  • Solmisation — Solmisation, ursprünglich Benennung der sechs Töne des Hexachords (s.d.) nach Silben; später übertragen auf unsere Grundskala mit Hinzufügung einer neuen Silbe für h: ut (c), re (d), mi (e), fa (f), sol (g), la (a), si (h). Auch andere Silben… …   Kleines Konversations-Lexikon

  • Solmisation — nennt man die Uebung im Gesang mit Gebrauch der von Guido von Arezzo eingeführten 6 Tonsilben ut, re, mi, fa, sol, la, nach den damals üblichen Hexachorden oder Reihen von je 6 Tönen, denen später zur Ausfüllung der Octave noch die Silbe si… …   Herders Conversations-Lexikon

  • Solmisation — Die Guidonische Hand (Manuskript aus Mantua, spätes 15. Jh.) Solmisation ist eine im Mittelalter entwickelte Verfahrensweise, die Tonstufen eines Gesanges auf bestimmte Silben zu singen, „um ihren Ort im Tonsystem (qualitas) zu erkennen“[1].… …   Deutsch Wikipedia

  • Solmisation — Le terme solmisation est généralement compris en France comme l étude du chant par la méthode des hexacordes et des muances, tel qu il a été enseigné par Guido d Arezzo au XIe siècle. Pourtant, dans les cultures anglo saxonnes, les mots… …   Wikipédia en Français

  • Solmisation — Sol|mi|sa|ti|on 〈f. 20; unz.; Mus.〉 1. System von Silben, mit denen die Töne der diaton. Tonleiter bezeichnet werden 2. Verfahren, mit diesen Tonsilben die Tonvorstellung zu bilden u. zu festigen, angebl. Anfang des 11. Jh. von Guido von Arezzo… …   Universal-Lexikon

  • solmisation — Solmization Sol mi*za tion, n. [F. solmisation, fr. solmiser to sol fa; called from the musical notes sol, mi. See {Sol fa}.] (Mus.) The act of sol faing. [Written also {solmisation}.] [1913 Webster] Note: This art was practiced by the Greeks;… …   The Collaborative International Dictionary of English

  • solmisation — (sol mi za sion) s. f. Terme d ancienne musique. Action de solmiser. La solmisation d un morceau de plain chant.    Solmisation moderne, celle qui consiste à donner à chaque note un nom fixe et toujours le même …   Dictionnaire de la Langue Française d'Émile Littré

  • Solmisation — solmisatio лат. [сольмиза/цио] solmisation фр. [сольмизасьо/н] Solmisation нем. [сольмизацио/н] solmisazione ит. [сольмизацио/нэ] solmization англ. [солмизэ/йшн] сольмизация …   Словарь иностранных музыкальных терминов