Sevilla [2]


Sevilla [2]

Sevilla, Hauptstadt der gleichnamigen span. Provinz (s. oben), liegt in einer fruchtbaren Vega am linken Ufer des bis hierher für Seefahrzeuge schiffbaren Guadalquivir, über den zwei Brücken (nebst einer Eisenbahnbrücke) nach der gegenüberliegenden Vorstadt Triana führen, an den Eisenbahnlinien Madrid-S., S.-Cadiz, S.-Huelva, S.-Merida und S.-Carmona. Von der alten, mit 66 Türmen versehenen Ringmauer, welche die innere Stadt umgab, sind nur noch mehrere Tore vorhanden. Die innere Stadt bildet ein Labyrinth von engen Gassen, ist jedoch gut und sol id gebaut. Die Häuser haben meist nur zwei Stockwerke und vielfach maurischen Charakter und enthalten schöne Höfe (Patios) mit Springbrunnen. In den letzten Jahren sind insbes. in den äußern Vierteln neue Plätze und Straßen angelegt worden. Unter den Plätzen sind die Plaza de San Francisco oder der Konstitutionsplatz, die Plaza del Duque Victoria mit dem Erzstandbild des Velazquez (1892), die Plaza de la Encarnacion, der Museumsplatz mit der Bronzestatue Murillos (1864), die Plaza del Triunfo und die große mit Palmenreihen und Springbrunnen versehene Plaza de San Fernando hervorzuheben. Die belebteste Straße ist die schlangenartig gewundene Calle de Sierpes. Am Flußufer ziehen sich schöne Kais in einer Ausdehnung von 4 km hin. Beliebte Promenaden sind der Paseo de Cristina und die anschließenden Alleen und Parkanlagen Las Delicias. Die zahlreichen öffentlichen Brunnen werden durch den aus 410 Bogen bestehenden, teilweise aus der Zeit J. Cäsars stammenden Aquädukt Caños de Carmona mit Wasser (von Alcala de Guadáira) versehen. Die Kathedrale, eine der größten und schönsten gotischen Kirchen (1402–1517 an der Stelle einer ehemaligen Moschee erbaut), hat ein prachtvolles Hauptportal, ist im Innern 136 m lang, 76 m breit, im Mittelschiff 40 m hoch und enthält 4 Seitenschiffe, 37 Kapellen, Gemälde von Murillo (heil. Antonius), Velazquez, Zurbaran etc., die Reste des Kolumbus, Glasmalereien, eine große Orgel, viele Grabmäler und einen reichen Kirchenschatz. Daneben erhebt sich als Rest der Moschee die Giralda, ein 114 m hoher, viereckiger Glockenturm (1184–96 erbaut, im 16. Jahrh. mit einem Aufsatz versehen, 1885–88 restauriert), mit Ornamenten in gebrannten Steinen und 22 harmonisch gestimmten Glocken, von einer großen Bronzestatue des Glaubens gekrönt. Ferner verdienen Erwähnung: der Alkasar (maurischer Königspalast, 1181 begründet, 1354–64 erneuert, im 17. Jahrh. restauriert; s. Tafel »Architektur VII«, Fig. 6) mit schönem, von 52 Marmorsäulen eingeschlossenem Hof (Patio de las Doncellas) und großem Garten; die Börse (Lonja), von Herrera 1598 erbaut, mit dem berühmten indischen Archiv (32,000 Bände); der Palast San Telmo (des Herzogs von Montpensier, von 1734, jetzt Eigentum der Kirche, die ein Priesterseminar darin eingerichtet hat), mit schönem Park, dessen größerer Teil (der Parque Maria Luisa) 1893 der Stadt geschenkt wurde; die Casa de Pilatos (des Herzogs von Medinaceli), 1533 im maurischen Stil erbaut, mit schönen Höfen und Gemächern; der Torre del Oro (»Goldturm«), 1220 erbaut, ein zwölfeckiger Turm am Guadalquivir; das Rathaus (Ayuntamiento), 1526–64 im Renaissancestil erbaut, 1891 restauriert; die Universität (ehemaliges, von Herrera im Renaissancestil erbautes Jesuitenkollegium); das Hospital de la Caridad, 1661–64 erbaut und mit zwei Meisterwerken Murillos geschmückt; das Teatro de San Fernando, der erzbischöfliche Palast, der Stiergefechtszirkus (12,000 Plätze) u. a. Die Zahl der Einwohner betrug 1900: 148,315. Die Industrie ist durch eine große Tabakfabrik (5000 Arbeiterinnen), eine Kanonengießerei und Munitionswerkstätte, Fabriken für Eisengußwaren und Maschinen, Porzellan (ehemaliges Kartäuserkloster in der Vorstadt Triana), Glas, Lakritzensaft, Konfitüren, Schokolade, Korkpfropfen, Seife etc. vertreten. Als Handels- und Hafenplatz hat S. in den letzten Jahrzehnten durch die Ausbaggerung des Guadalquivir sehr gewonnen. Die Zahl der aus fremden Häfen in S. eingelaufenen Schiffe betrug 1904: 541 von 420,212 Ton., die der ausgelaufenen Schiffe 588 von 580,693 T. Die Einfuhr hatte einen Wert von 32,8 Mill. Pesetas, darunter hauptsächlich Zucker, Kaffee, Kohle, Holz, Eisen- und Stahlwaren, Chemikalien, Tabak, Garne und Gewebe, Stockfisch u. a.; die Ausfuhr belief sich auf 45,2 Mill. Pesetas, darunter insbes. Kupfererz, Bleiglanz und Blei, Quecksilber, Kork, Oliven und Öl, Orangen, Lakritzen, Sämereien u. a. Hierzu kommt noch der Verkehr mit spanischen Häfen, der 1903: 634 eingelaufene Schiffe von 235,207 T. und 592 ausgelaufene Schiffe von 261,402 T. sowie eine Warenbewegung im Werte von 95,6 Mill. Pesetas in der Einfuhr (Eisen-, Tabak-, Woll- und Baumwollwaren, Holz, Häute, Leder u. a.) und von 44,7 Mill. Pesetas in der Ausfuhr (Olivenöl, Oliven, Tabak, Kork, Seife, Bleiglanz u. a.) ergab. Als Bildungsanstalten besitzt S. eine 1505 gestiftete Universität (1400 Studierende), ein Instituto, eine Industrie-, eine Kunst-, eine Normalschule, die Provinzial- und Universitätsbibliothek (60,000 Bände), die kolumbische Bibliothek (30,000 Bände, von Kolumbus' Sohn Fernando gegründet), eine Akademie der Wissenschaften, 6 Theater, das Museum mit Gemälden von Murillo und andern Meistern der Schule von S., endlich mehrere bemerkenswerte Privatkunstsammlungen. S. ist Sitz des Gouverneurs, eines Appellationsgerichts, eines Erzbischofs, des Generalkapitäns von Andalusien sowie mehrerer auswärtiger Konsulate, darunter eines deutschen. In der Karwoche und am Johannistage werden in S. prunkvolle Kirchenfeste abgehalten, die von Lustbarkeiten aller Art begleitet sind.

S. hieß im Altertum Hispalis und als römische Kolonie Colonia Romulensis. Hadrian erbaute in der Nähe auf dem andern Ufer des Guadalquivir die Stadt Italica (s. d. 1). Schon damals war sie der Hauptsitz der römischen Zivilisation. In S. wurden 590 und 619 zwei Konzile (concilia Hispalensia) gehalten. Die Araber eroberten die Stadt 712. Im J. 844 wurde sie von den Normannen zerstört. Seit 1026 war sie Sitz der maurischen Dynastie der Abbadiden; 1091 kam sie in den Besitz der Almoraviden und 1147 in den der Almohaden. Sie erfreute sich eines besondern Glanzes unter den maurischen Städten der Halbinsel. Am 22. Nov. 1248 ward sie nach 18monatiger Belagerung von Ferdinand III. von Kastilien erobert und blieb seitdem im Besitz der Christen. Ihre dritte Glanzperiode fällt in das 16. und 17. Jahrh., wo sie Hauptstapelplatz des spanischen Seehandels und Sitz der spanischen Kunst, namentlich der Malerei, war. Den Handel mit Amerika verlor sie durch das Emporkommen von Cadiz. 1729 wurde hier ein Friedens- und Freundschaftstraktat zwischen Spanien, Frankreich und England abgeschlossen, dem später auch Holland beitrat. Hier bildete sich 27. Mai 1808 die spanische Zentraljunta, die sich 1. Febr. 1810 nach Cadiz zurückzog. 1823 flüchteten die Cortes, als sie Madrid verließen. hierher und entführten den König von hier nach Cadiz. S. ist Geburtsort der Maler Murillo, Velazquez, der beiden Francisco Herrera, der Dichter Fernando Herrera und Rioja etc. Vgl. W. Wackernagel, Sevilla (Basel 1870); Parlow, Vom Guadalquivir (Wien 1886); Matute, Anales eclesiasticos y seculares de la ciudad de S. (Sevilla 1888, 3 Bde.); Guichot, Historia del ayuntamiento de S (das. 1896, 2 Bde.); Gallichan, The story of Seville (Lond. 1903); K. E. Schmidt, Sevilla (Bd. 15 der »Berühmten Kunststätten«, Leipz. 1902), Calvert. Seville (Lond. 1907).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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