Schwedische Literatur


Schwedische Literatur

Schwedische Literatur. Zahlreiche Runeninschriften bezeugen, daß die gemeingermanischen und speziell nordischen Sagen, Mythen etc. in Schweden bekannt waren. Von einer eigentlichen Literatur kann man aber erst reden, nachdem sich durch das Christentum die lateinische Sprache und die Mönchsschrift eingebürgert hatten. Aus der Zeit vom 13. Jahrh. bis zur Reformation ist zunächst der gelehrte Dominikaner Petrus de Dacia (gest. 1289) zu erwähnen, der ein ekstatisches »Leben der heil. Christina von Stumbelen« schrieb; eine »Chronica Gothorum« verfaßte Ericus Olai (gest. 1486), und der mystische Scholastiker Magister Mattias (um 1330) übersetzte unter anderm die »Revelationes« seiner Schülerin Sancta Birgitta (gest. 1373). Diese außerordentliche Frau aus dem alten Königsgeschlecht der Folkunger schrieb in ihrer Muttersprache Offenbarungen nieder, die sie in religiöser Entrückung von der Gottheit selbst empfangen haben wollte. Ihr Orden (die Birgittiner) übte durch Übersetzungen und Bearbeitungen aller Art weitgehenden Einfluß auf den ganzen Norden aus. In der Landessprache sind die wichtigen Landschaftsgesetze abgefaßt; sie zeigen, daß bereits um 1300 das Schwedische sich von dem Gesamtnordischen als eine besondere Sprache losgelöst hatte. Aus dieser Periode stammen auch die frühesten uns erhaltenen Volkslieder sowie Übersetzungen einiger südeuropäischer Ritterromane, welche die norwegische Königin Eufemia für ihren ritterlichen Schwiegersohn, Herzog Erik von Schweden, anfertigen ließ (»Eufemialieder«, um 1300). Als erster, namentlich bekannter Dichter begegnet uns der Bischof Thomas Simonsson (gest. 1434), mit seinen Liedern von »Engelbrekt«, der »Freiheit« und der »Treue«.

Im Zeitalter der Reformation (1521–1611) gelangte, wie überall, so auch in Schweden die Landessprache zur Herrschaft. Der große Reformator Olaus Petri (1493–1552) schrieb Erbauungsschriften jeder Art, eine berühmte Chronik und die kernigen »Richterregeln«, die das schwedische Gesetzbuch einleiten und den Grundsätzen des ungeschriebenen Rechtes zum Ausdruck verhelfen. Er beteiligte sich auch an der von seinem Bruder und Mitreformator, Laurentius Petri (1449–1573), geleiteten Bibelübersetzung (1541). König Gustav Wasa selbst war ein Redner und Stilist, dessen Schriften man heute noch mit Bewunderung liest. Unter seinen hochgebildeten Söhnen Erik XIV., Johan III. und Karl IX. wurde der Grund zur höhern weltlichen Kultur gelegt.

In der Periode der Großmachtstellung Schwedens (1611–1718) entwickelte sich unter der Ägide Gustav Adolfs II. und seiner genialen Tochter Christina im Norden eine Art Spätrenaissance. Die Wissenschaften gediehen an den Universitäten Upsala (gegründet 1477), Lund (1668), Åbo (1640), Dorpat (1632), die Volksbildung wurde durch Gemeindeschulen kräftig gefördert. Christina berief den Grundleger der neuern Philosophie, Descartes, den holländischen Rechtsgelehrten Hugo Grotius und den Rechtsphilosophen Pufendorf an ihren Hof. Die Großen des Reiches, Axel Oxenstierna, Johan Skytte, Per Brahe, Magnus Gabriel de la Gardie, Erik Lindschiöld, wetteiferten mit den Regenten als Mäcene. Johan Stiernhöök (geb. 1596) erwarb sich den Namen »Vater der schwedischen Rechtsgeschichte«, Johan Bure verfaßte eine mehr patriotische als wahrheitstreue Geschichte Schwedens; Verelius, Schefferus und Peringskiöld folgten seinem Beispiel, und Olof Rudbeck der Ältere (1630–1702) verklärte die Ideen von der Größe des Vaterlandes in seinem sonderbaren Werke »Atland«, in dem er seine ganze Gelehrsamkeit aufbot, um zu beweisen, daß Schweden das Märchenland Platos (Atlantis) und die Wiege der japhetitischen Kultur gewesen sei. Olof Rudbeck der Jüngere setzte seines Vaters botanische Untersuchungen fort, Urban Hjärne (1641–1724), der sich auch als Dramatiker betätigte, trat als wissenschaftlich geschulter Arzt und leidenschaftlicher Gegner der Hexenprozesse hervor. Kristoffer Polhem gewann in der Mechanik europäischen Ruf. Während dieser politisch und wissenschaftlich großen Zeit war die Dichtkunst wesentlich von deutschen, holländischen und italienischen Mustern abhängig. Die Kunstpoesie sing an, der Naturpoesie den Platz streitig zu machen. Der gelehrte Naturforscher, Mathematiker, Jurist, Philolog und Archäolog Georg Stiernhielm (1598–1672) führte im Anschluß an Martin Opitz und die erste schlesische Dichterschule eine an strenge Regeln gebundene Verslehre ein und schrieb selbst Musterpoesien (»Vater der schwedischen Dichtkunst«). Unter seinen Nachfolgern sind begabte Liederdichter zu verzeichnen: der frische, originelle Abenteurer Lars Wivallius, eine echte Renaissancegestalt (1605–69), Lasse Lucidor der Unglückliche (von 1640–74, »Helikons Blomster«), sowie die populären Humoristen Israel Holmström (1660–1708) und Johan Runius (1674–1713). Stiernhielms Schüler Samuel Columbus (1642–79), die Bischöfe Håkan Spegel (1645–1714) und Jesper Svedberg (1653–1735) pflegten die religiöse Dichtung; Jakob Frese (1691–1729) ließ zum erstenmal jene innigen, elegischen Töne erklingen, die den finnländischen Dichtern eigen sind. Gunno Dahlstierna (1661–1709) lehnte sich in vaterländischen Gedichten an italienische Vorbilder an; Sophia Elisabeth Brenner (1659–1730) schrieb formgewandte Lehrgedichte. Das Drama wurde für Schul- und Universitätszwecke von dem gelehrten Historiker Johannes Messenius (1579–1636; bemerkenswertes Geschichtswerk »Scondia illustrata«) und dem Rektor Magnus Afteropherus (gest. 1647; »Thisbe«) ausgebildet und von Stiernhielm in der Form von Balletten am Hofe Christinens weiter gepflegt (»Der gefangene Cupido«).

Die folgende Periode der bürgerlichen Freiheitspolitik (1719–72) setzt mit einer Reihe glänzender Förderer der Wissenschaft ein. An ihrer Spitze steht der Naturforscher Linné (1707–78) mit seinen Nachfolgern in der Mineralogie und Chemie: A. F. Cronstedt, Torban Bergman und Karl V. Scheele. Europäisch bekannt ist auch Anders Celsius, der Begründer einer hundertteiligen Thermometerskala, und der Philosoph Emanuel Swedenborg, dessen Lehre von der okkulten Welt noch heute Anhänger findet. Die Geschichte wurde nach neuen kritischen Methoden von Sven Lagerbring (1707–87), Bischof Olof Celsius dem Jüngern, Anders Botin und dem Dichter Dalin bearbeitet. Johan Ihre (1707–80) legte den Grund zu einer wissenschaftlichen Durchforschung der SpracheGlossarium Sviogothicum«). Als Theologen wirkten der Prediger Anders Nohrborg und der Pietist Erik Tollstadius, als Philosoph Bischof Anders Rydelius. Eine bedeutende gemeinsame Schöpfung der Volksvertretung und der Gelehrten war das zum Teil noch geltende Gesetzbuch von 1734, redigiert von Gustaf Cronhielm, kommentiert von David Ehrenstråle. Unter den vielen Nationalökonomen ist besonders der finnländische Pfarrer Anders Chydenius zu nennen. Charakteristisch für die Zeit ist die Gründung zahlreicher Akademien und gelehrter Gesellschaften, so die Akademie der Wissenschaften (1739), der Akademie der freien Künste (1735), der Witterhetsakademie (1753) der Königin Luise Ulrike, der Schwester Friedrichs d. Gr., und der Musikalischen Akademie (1771) ihres Sohnes Gustav III. Die Parole der Zeit war »Aufklärung«, und bezeichnenderweise war der leitende Dichter der Periode, Olof v. Dalin (1708–1763), zugleich ein geistvoller Gelehrter und als Stilist Begründer der neuschwedischen Prosa. Mit der satirischen Wochenschrift »Argus« (1733–34) machte er die periodische Literatur nach englischen Mustern einheimisch. Seine von den Zeitgenossen sehr bewunderte große Dichtung (»Die schwedische Freiheit«, Dramen) steht hinter seinen Liedern und seinen Satiren zurück. Redekunst, Briefstil und Memoiren wurden in dieser Periode mit Vorliebe gepflegt, unter andern von den Mäcenen Karl Gustaf Tessin (1695 bis 1770) und Anders Johan v. Höpken (1712–1789). Jakob Henrik Mörk (1714–63) schrieb den ersten Prosaroman (»Adalrik och Götilda«), Jakob Wallenberg (1746–78) eine noch heute gelesene humoristische Reisebeschreibung: »Min son på galejan«. Der Lyriker Olof Bergklint (1733–1805) ist der erste ästhetische Kritiker Schwedens und Frau Hedwig Charlotte Nordenflycht (1718–63) die erste in Schweden, die in der Dichtung ihre Lebensaufgabe fand. Ihre Liebeslyrik ist leidenschaftlich und unmittelbar, ihre Reflexionspoesie ein Echo der Zeitstimmung. Ihrem Kreise gehörten die beiden Freunde Graf Fredr. Gyllenborg (Odendichter, 1731–1808) und Graf Gustaf Philip Creutz (1731–85) an, dessen Hirtengedichte das Entzücken seiner Zeit bildeten. Den Übergang zu der nächsten Periode bildet der Liederdichter Karl Mikaël Bellman (1740–95). Seine zur Laute improvisierten Bilder aus dem Stockholmer Leben (»Fredmans Episteln« und »Fredmans Lieder«) gehören in ihrem kräftigen Realismus, lebendigen Humor und zarten Naturempfinden zu den genialsten Schöpfungen der schwedischen Literatur.

In der Gustavianischen Zeit (1772–1809) war Gustav III., der selbst als Dramatiker und großer Redner hervortrat, die Seele der herrschenden Bestrebungen, die auf die völlige Einbürgerung des französischen Pseudoklassizismus und der Aufklärung hinausgingen. Er rief das 1737 gegründete Schwedische Theater zu neuem Leben, stiftete nach dem Muster der Académie Française die Schwedische Akademie (1786), die in jüngster Zeit durch die Nobel-Stiftung neue Bedeutung gewonnen hat, und unterstützte auch Talente, die andern Geschmacksrichtungen als der seinigen huldigten. Der bedeutendste unter den sogen. Akademikern oder Gustavianern, Johan Henrik Kellgren (1751–95), des Königs Freund, Sekretär und Mitarbeiter, übte durch seine Zeitung »Stockholmsposten« einen großen kritischen Einfluß auf die Gesellschaft aus. Mit der Zeit wurde seine Poesie tiefer und wärmer als die mehr rhetorische der Akademie. Der typische Akademiker war dagegen der elegante, witzige, gelehrte Karl Gustaf af Leopold (1756–1829). Ihm zur Seite standen Johan Gabriel Oxenstierna (1750–1818), Vertreter der akademischen beschreibenden Poesie, der Prosastilist Gudmund Göran Adlerbeth (1751–1818), der Redner Nils v. Rosenstein (1752–1824) u. a.

Bei dem »unsichtbaren Mitglied der Akademie«, Frau Anna Maria Lenngren (1755–1817), findet man Klarheit, Witz und Formvollendung vereinigt; ihre Idylle und Satiren bewahren ihre Popularität. Dasselbe gilt von den beiden Schriften des Generaladmirals K. A. Ehrensvärd (1745–1800; »Philosophie der freien Künste« und »Reise nach Italien«). Auch die Bühnendichter der Periode sind wegen ihres Humors geschätzt geblieben: Karl Israel Hallman (1732–1800), Olof Kexél (1748–96), Karl Envallsson (1756–1806) und Gustav v. Paykull (1757–1826). Als Prosastilisten sind zu nennen: der Historiker Jonas Hallenberg (1748–1834), der Sammler und Herausgeber Gjörwell (1731–1834), der Dichter und Politiker Axel Gabriel Silfverstolpe (1762–1816), sein Bruder Gustaf Abr. Silfverstolpe (1762–1816) und Georg Adlersparre (1760–1835), die beiden letzten auch als Herausgeber freisinniger Zeitschriften. Unter den Gelehrten der Zeit verdienen die beiden Finnländer Henrik Gabr. Porthan als Sprachforscher und Historiker und Mattias Calonius als Rechtsgelehrter an erster Stelle Erwähnung. Benj. Höejer (1767–1812) brach der Kant-Fichteschen Philosophie die Bahn.

Der Anfang des 19. Jahrhunderts war eine Zeit politisch er und literarischer Umwälzungen. Schon in der vorhergehenden Periode war die akademische Richtung von dem Rousseau-Schwärmer Thomas Thorild (1759–1808) angegriffen worden. Jetzt wurde der Streit von den Anhängern der deutschen Romantik, nach ihrer Zeitschrift »Phosphoros« Phosphoristen genannt, aufs neue aufgenommen und auf beiden Seiten mit größter Leidenschaftlichkeit geführt. Der Leiter der Phosphoristen war der Lyriker Pehr Daniel Amadeus Atterbom (1790–1855), ihr streitbarster Kritiker und Satiriker Lorenzo Hammarsköld (1785–1827), ihr Humorist der Liederdichter Fredrik Dahlgrén (1791–1874). Um 1820 hatten sie im großen und ganzen gesiegt; ihre einseitigen Übertreibungen führten aber unmittelbar darauf die Reaktion herbei. Einerseits trat die liberale Presse gegen ihren politischen Konservativismus auf: Lars Hierta (1801–72) im »Aftonbladet«, Johan Johansson (gest. 1860) im »Argus«, Anders Lindeberg (gest. 1849) in der »Stockholmsposten«; anderseits wurde ihre Formlosigkeit von den Neutralen, d. h. den keiner Schule angehörigen Dichtern, besonders Esaias Tegnér (1782–1846), angefochten. Tegnér nahm von den phosphoristischen Ideen nur so viel auf, als sich mit seiner klassischen Erziehung vereinbaren ließ, und steht somit Goethe näher als den deutschen Neuromantikern. Er ist der berühmteste Dichter Schwedens; die Gestalten seiner »Frithjofs-Sage« (1820–24) sind dem Ausland typisch für das schwedische Volk geworden. Freilich ist der altnordische Stoff ganz modern romantisiert. Tegnér am nächsten standen Bischof Johan Olof Wallin (1779–1839), der große Psalmendichter und Kanzelredner, und Erik Gustaf Geijer (1783–1847), dessen markige Dichtung und weitgreifende wissenschaftliche Tätigkeit einen großen Einfluß besonders auf die akademische Jugend ausübte. Ein Hauptbestreben dieses KreisesGötiska förbundet«) war das Hervorheben des Einheimischen. Der Dichter Pehr Henrik Ling, der Vater der schwedischen Gymnastik (1776–1839), bemühte sich in Wort und Tat, die modernen Schweden zu würdigen Nachkommen der alten Wikinger zu machen. Karl August Nicander (1799–1839) dichtete unter andern patriotische Runen, Arvid August Afzelius (1785–1871) übersetzte die Edda und gab mit Geijer und Rääf Volkslieder heraus. Eine humoristische Schilderung der vielen streitenden Schulen gab Bischof K. E. Fahlcrantz (1790–1866) in seiner allegorischen »Arche Noahs«; Fredrik Cederborgh (1784–1835) machte sich in realistischen Prosaromanen über seine Zeitgenossen lustig, der pessimistische Lyriker Erik Sjöberg (Vitalis, 1794–1828) griff sie gelegentlich in witzigen Satiren an. Mittenhinein klingen eigenartige Töne von nachhaltender Wirkung: die Jugendpoesie des Finnländers Franz Mikael Franzén (1772–1847) trug ein frisches, naives Element in die akademische Dichtung, Erik Johan Stagnelius (1793–1823) fand ergreifende Rythmen und Ausdrücke für den Weltschmerz und die Mystik, lange ehe sie Mode wurden.

Nach 1830 traten viele neue Dichter auf, die unter dem Einfluß Tegnérs standen. Zu den bedeutendern gehören »der letzte Phosphorist« Karl Wilh. Böttiger (1807–78), der Dramatiker Johan Börjesson (1790–1866), K. W. A. Strandberg (Talis Qualis, 1818–77), der sich Runeberg näherte, der elegante Vertreter des Skandinavismus Oscar Patrick Sturzenbecker (Orvar Odd, 1811–69), der ausgelassene Humorist Wilh. v. Braun (1813–60), der Idyllendichter Elias Sehlstedt (1808–74), Fredr. Aug. Dahlgrén (1816–95), der in wermländischem Dialekt humorvolle Lieder dichtete, Johan Nybom (1815–89), der formell Tegnér am nächsten stand, der Elegiendichter Bernh. Elis Malmström (1816–1865) und die Finnländer Zachris Topelius (1818 bis 1898), der schwedische Andersen, und Lars Stenbäck (1811–70), eine mächtige Dichternatur, der aber aus religiösen Gründen bald der Dichtung entsagte. Inzwischen fand auch die Romantik ihre zu den letzten Konsequenzen getriebene Vollendung in Karl Jonas Love Almquist (1793–1836), der die Neuromantik auflöste, indem er ihr moderne Ideen und Probleme gegenüberstellte. Seine widerspruchsvolle Genialität, Kraft der Phantasie und Originalität des Ausdrucks übten einen Einfluß auf Johan Ludwig Runeberg (1804–77), den größten Dichter der Periode, aus. Er setzte sich mit Schilderungen aus seiner finnländischen Heimat: »Die Elchjäger« (1832), »Fähnrich Stahl« (1848, 1860) u. a., in Widerspruch zu der abstrakten Schönrednerei der Tegnér-Schule und der phosphoristischen Phantasterei und gab der Literatur als neues Stilideal den Realismus. Dieser fand zuerst in dem nun aufblühenden modernen Roman seine Heimat. Die begeisterte Vorkämpferin der Frauenrechte, Fredrika Bremer, begründete mit ihren »Zeichnungen aus dem Alltagsleben« (1828 ff.) den bürgerlichen Roman; die Baronin v. Knorring (1797–1848) nahm, gegen Almquist polemisiernd, das von ihm eingeführte Genre der Volksschilderung (»Die Kapelle«) in ihrem Roman »Der Häusler« (»Torparen«, 1843) auf, und Emilie Flygare-Carlén beschrieb in spannenden Romanen ihre westschwedische Heimat und die Schären. Neben diesen Frauen, die in den 1840er Jahren das literarische Leben Stockholms beherrschten, standen in zweiter Linie die vielgelesenen Autoren historischer Romane: M. J. Crusenstolpe (1795–1865), G. H. Mellin (1803–1876), K. F. Ridderstad (1807–86), Pehr Sparre (1790–1871). K. G. Starbäck (1828–85), der unterhaltende Schilderer des Stockholmer Lebens August Blanche (1811–68), der gutmütige Moralist Karl Ant. Wetterbergh (Onkel Adam, 1801–89) und die tendenziöse Marie Sophie Schwarz (1819 bis 1895), die humorvolle Lea (Josefina Wettergrund, 1830–1903). In den sonst unfruchtbaren 1850er Jahren trat Victor Rydberg (1828–95) auf, der als Romanschriftsteller, Dichter, Publizist und Gelehrter einen nachhaltenden Einfluß in freiheitlicher Richtung auf das Kulturleben Schwedens ausübte. Er steht in seinem Stilideal einer Gruppe von Upsalaer Dichtern, den sogen. Signaturen, nahe, die den 1860 er Jahren ihre Prägung verliehen. Zu ihnen gehörten unter andern der Lyriker und streng konservative Gegner der neuern Literatur C. D. af Wirsén (geb. 1842), K. L. ÖstergrénFjalar«, 1842–81), N. P. Ödman (geb. 1838), K. R. Nyblom (geb. 1832), der begabte, früh gestorbene Ernst Daniel Björck (1838–68) und der glänzende, vornehme Lyriker Graf Carl Snoilsky (1841–1900).

Inzwischen war in Dänemark der französische Naturalismus von Georg Brandes verkündet und von Ibsen und andern norwegischen und dänischen Dichtern in Großtaten umgesetzt worden. In Schweden hatten die revolutionären Strömungen aus Europa zweimal vergebens einzudringen versucht, und zwar im Zeichen Rousseaus durch Thorild und Almquist; jetzt schien es, als würde der Naturalismus mit seinem jugendlichen Vorkämpfer August Strindberg (geb. 1849) den Sieg davontragen. 1879 erschien dessen erbitterte Persiflage der ganzen Gesellschaft: »Das rote Zimmer«. Die junge Dichtergeneration der 1880er Jahre folgte seiner Fahne. So Anna Charlotte Leffler (1849–92), die Erzählerin Victoria Benedictsson (Ernst Ahlgrén, 1850–88), Gustaf af Geijerstam (geb. 1858), Georg Nordensvan (geb. 1855), Ola Hansson (geb. 1860), Oscar Levertin (geb. 1862), Tor Hedberg (geb. 1862), K. A. Tavaststjerna (1860–99), A. U. Bååth (1853), Axel Lundegård (geb. 1861). Sie wurden von dem Publikum und der ältern Dichterschule, C. D. Wirsén an der Spitze, mit Verständnislosigkeit empfangen. Eine wahre Hetze entstand gegen ihren Leiter Strindberg, dessen Oppositionslust und nervöse Empfindlichkeit ihn zu derben Geschmacklosigkeiten hinriß. Wenn sich die übrigen Anhänger der Richtung auch von der Übertreibung des Naturalismus fernhielten, so boten ihre tendenziösen Problemromane doch wunde Punkte genug. Und als nun zu Anfang der 1890er Jahre die zwei glänzenden Lyriker und Spracherneuerer Werner v. Heidenstam (geb. 1859) und Levertin gegen die Graumalerei des »Schusterrealismus« auftraten, fanden sie sogar bei den Naturalisten selbst Anklang. Damit war man »ins alte romantische Land« zurückgekehrt. Immerhin hatte der Naturalismus tiefe Spuren hinterlassen. Die leidenschaftliche Kraft des Gefühls und des Ausdrucks, die sich in der Lyrik Heidenstams, Levertins, Gustaf Frödings (geb. 1860), in den scharf beobachteten Novellen Per Hallströms (geb. 1866) oder Hjalmar Söderbergs (geb. 1869), oder in den seinen, warmen Lebensbildern Geijerstams neu und überraschend offenbart, wäre ohne die Kritik und die Analyse jener Kampfjahre nicht erklärlich. Und Selma Lagerlöf (geb. 1069), die geborne Märchenerzählerin, die mit der neu aufblühenden Romantik aus ihrem verborgenen Winkel hervorgetreten ist, hätte kaum die ihr eigne schillernde Farbenpracht gefunden, wenn Strindberg nicht gezeigt hätte, wie die schwedische Sprache zu malen vermag.

Es bleiben noch einige Schriftsteller zu erwähnen, die Aufmerksamkeit erregt haben. Zunächst die Romanschriftstellerinnen: Sophie Elkan (Ruft Roest), Anna Wahlenberg, Cäcilia Bååth-Holmberg, Jane Gernandt-Claine, Hilma Angered-Strandberg, Mathilda Malling, dann die Märchendichterinnen Helena Nyblom, Anna M. Roos. Victor Hugo Wickström, Gustaf Jansson, Henning v. Melsted, Henning Berger verraten viel Talent und kräftige künstlerische Bestrebungen. Die Humoreske vertraten August Bondeson (geb. 1854) und Alfred af Hedenstjerna (Sigurd, 1852–1906), der an die burlesk-sentimentalen Amerikaner erinnert. Dem Lyriker Erik Axel Karlfeldt (geb. 1864) hat sogar die hochkonservative schwedische Akademie ihre Pforten geöffnet. Karl Axel Forßlund (geb. 1872) und die erst neuerdings aufgetretenen Sven Lidman, K. G. Ossian-Nilsson, Erik Brogren, Gustaf Ullman haben beim Publikum warmen Beifall gefunden.

Bedeutendes hat im 19. Jahrh. auch die wissenschaftliche Literatur Schwedens geleistet. In der Theologie sind berühmte Kanzelredner zu verzeichnen: die Bischöfe Wallin, Franzén (beide auch als Dichter bemerkenswert), Thomander (1798–1865) und Propst Per Wieselgrén (1800–77); H. M. Melin (gest. 1877) trat gegen Strauß' »Leben Jesu« auf, Erzbischof Reuterdahl (1795–1870) ist durch seine Kirchengeschichte (bis 1533), V. Rudin durch wertvolle populäre Schriften zu verschiedenen Fragen, F. Fehr (1849–95) als Ritschelianer bekannt geworden. Victor Rydberg, der Dichter, vertrat in freisinnigem Geiste die moderne rationalistische Richtung der Tübinger SchuleBibelns lära om Kristus«, 1862). Die deutsche Philosophie übte lange großen Einfluß aus. Benj. Höijer (1767–1812) führte durch bedeutungsvolle Schriften die Kant-Fichtesche Richtung ein. Schellings Lehre fand in den Phosphoristen eifrige Nachbeter; der finnländische Senator J. V. Snellman (1806–81) war der Hauptvertreter des Hegelianismus. Ein selbständiger Denker war Krist. Jak. Boström (1797–1866), der jedoch mehr vom Katheder aus als durch Schriften seine pantheistischen Ideen dargelegt hat. Zu seinen vielen Schülern gehören Krist. Claëson (1827–59), Pontus Wikner (1837–88), Sigurd Ribbing (1816–99), Axel Nybläus (1821–99; »Geschichte der Philosophie Schwedens«) und Fr. v. Scheele (geb. 1853). In der Geschichtschreibung hat sich in engem Zusammenhang mit den nationalen Bewegungen zu Anfang des Jahrhunderts vor allem Erik Gustaf Geijer, der Dichter, als vollendeter Meister bewährt (»Svea rikes häfder«, 1825, etc.). Zu seiner Schule gehören unter andern: F. F. Carlson (1811 bis 1887), C. G. Malmström (geb. 1822) und Reichsarchivar J. J. Nordström (1801–74). Geijers Widersacher, der scharfe Rationalist Anders Fryxell (1795–1881), hat durch seine »Erzählungen aus der schwedischen Geschichte« (46 Bde., übersetzt in viele Kultursprachen) die vaterländische Geschichte zur Volkslektüre gemacht. Seinem Beispiel ist K. G. Starbäck (1828–85) gefolgt. Von spätern Forschern behandelte der Reichsarchivar K. Th. Odhner (1836–1904) die Zeit unter Christinens Vormündern und Gustav III., Martin Weibull (1835–1902) Gustav Adolfs II. Regierung, Osk. Alin (1846–1900) die Union und Karl Johans Regierung, Ludw. Stavenow (geb. 1864) die Freiheitszeit und Gustav III., Claes Annerstedt (geb. 1839) schrieb die Geschichte der Universität Upsala, Gust. Björlin (geb. 1845) Kriegsgeschichte. Arvid Ahnfelt Kulturgeschichte, A. E. Silén die Geschichte des Handels. Als geistvolle Biographen und Essayisten sind Hans Forßell (1843–1901), Elof Tegnér (1844–1900), Harald Hjärne (geb. 1848), Harald Wieselgrén (1835–1905), Adolf Hedin (geb. 1834) und Ellen Fries zu nennen. Emil Hildebrand (geb. 1848) redigiert das Sammelwerk »Sveriges Historia«; mustergültig wurden die alten Gesetze von J. Schlyter (1795–1888) herausgegeben. Die bedeutendsten Altertumsforscher sind der Reichsantiquar Hans Hildebrand (geb. 1842; »Sveriges Medeltid«) und der vergleichende Archäolog Oscar Montelius (geb. 1843). Unter den Förderern der Naturwissenschaften steht der Systematiker der modernen Chemie Jöns Jakob Berzelius (gest. 1848) an erster Stelle. Neben ihm sind zu nennen: in der Physik Anders Joh. Ångström (gest. 1874), in der Botanik der vielseitige Karl Adolf Agardh (1785–1859), sein Sohn J. G. Agardh und Elias Fries (gest. 1878); in der Zoologie S. L. Lovén (Meerfauna); in der Geologie Sven Nilsson (gest. 1883) und Nathorst. In der Anatomie und Ethnologie arbeitete Anders Retzius (gest. 1860), in der Histologie Gust. Retzius (geb. 1842). Die Geographie fand Förderer in Palmblad, Tuneld und Tamm, später in dem Entdecker der Nordostpassage Adolf Erik Nordenskiöld (gest. 1901) und seinem Sohne Gustav Nordenskiöld. Als Reiseschilderer ragen Sven v. Hedin (geb. 1865), Gust. F. Steffen (geb. 1864) und Carl Bildt (geb. 1850) hervor. In der schwedischen Literaturforschung hat eine rege Tätigkeit eingesetzt. Nach dem Vorbilde deutscher und dänischer Forscher geben A. Afzelius, Geijer (s. d.) und L. F. Rääf die schwedischen Volkslieder heraus (»Svenska folkvisor från forntiden«, 1814–17, 3 Bde., neu 1881; deutsche Auswahl 1857), die von Adolf Ivar Arwidson (s. Finnische Literatur) erweitert wurden (»Svenska Fornsånger«, 1834–42, 3 Bde.). Bahnbrechend für die moderne schwedische Sprachgeschichte wirkte J. E. Rydquist (1800–77; »Svenska språkets lagar«, 1850 ff., 6 Bde.). Neben ihm sind zu nennen: J. A. Lundell (1851–93), Axel Kock (geb. 1857), L. F. A. Löffler (geb. 1847) und Adolf Noréen (geb. 1854), Esaias Tegnér der Jüngere (geb. 1843) und Gustaf Cederschiöld (geb. 1849). Das große Wörterbuch der schwedischen Akademie wird von K. F. Söderwall (geb. 1842) redigiert.

Die schwedische Literaturgeschichte steht inhaltlich und stilistisch hoch. Grundlegend wirkte der Phosphorist Lorenzo Hammarsköld, dessen reiche, wenn auch parteiische Geschichte »Svenska Vitterheten« (1818) von P. A. Sondén kommentiert 1833 neu erschien. Unter den zusammenfassenden Werken sind besonders hervorzuheben: Bernh. Elis Malmström, Grunddragen af svenska vitterhetens historia (1866–68, 5 Bde.; nach Stiernhielm bis 1820); G. Ljunggrén, Svenska vitterhetens häfder efter Gustaf III.'s död (1876–95, 5 Bde.; reicht bis 1821); Henrik Schück, Svensk literaturhistoria (1890 ff., Mittelalter und Reformation) und das Hauptwerk: »Illustrerad svensk literaturhistoria« (1896 ff.), bis 1718 von Schück, bis 1830 von Warburg u. a. verfaßt; der dritte Teil wird demnächst erscheinen. Über die verschiedenen Literaturperioden gibt es Arbeiten unter andern von dem Phosphorist P. D. A. Atterbom, Svenska siare och skalder (1841–55, 6 Bde.; 2. Aufl. 1862–63; speziell 17. und 18. Jahrh.); Hellen Lindgren, Sveriges vittra storhetstid (1895–96, 2 Bde.; von 1730–1809); Oscar Levertin, Teater och drama under Gustaf III; Gustaf III som dramatisk författare (1894); Diktare och drömmare (1898) und Svenska gestalter (2. Aufl. 1904); Cecilia Bååth-Holmberg, Frihetens sångarätt (1889; die 1840er Jahre); Ola Hansson, Das junge Skandinavien (Dresd. 1891); Gustaf af Geijerstam, Nya brytningar (1894); Otto Sylvan, Svensk literatur vid 1800 talets midt. 1830–1860 (1900); Joh. Mortensen, Från Aftonbladet till Röda rummet, 1830–1879 (1905); David Sprengel, De nya poeterna (1902; die 1880er Jahre). Als geistvolle Biographen und Essayisten traten unter andern G. Ljunggren (Frese, Bellman, Vitalis, Sturzen-Becker), Schück (Wivallius u. a.) und Warburg (Dalin, Lidner, Lenngren, Ehrensvärd, Onkel Adam) hervor; weiter sind zu nennen: C. R. Nyblom (Fredrika Bremer u. a.), C. D. af Wirsén (Oxenstierna, Franzén, Beskow, Nicander), Nils Erdmann (Bellman, Geijer, Tegnér, Blanche), Hellen LindgrenVittra stormän« [1894], »Skalder och tänkare« [1900]), Ellen Key (Almquist, Anne Charlotte Leffler). Über Tegnér schrieben unter andern sein Schwiegersohn K. V. Böttiger, sein Enkel Elof TegnérFrån farfarsfars och farfars tid«, 1900), Georg Brandes, Nils Erdmann; über Runeberg J. E. Strömborg, V. Söderhjelm, C. G. Estlander, Eliel Vest, Hellen Lindgren. Propst Per Wieselgrén verfaßte die Geschichte der Kirchenliteratur (1833–49, 5 Bde.); die dramatische Literatur wurde historisch von G. Ljunggrén, Svenska dramat till slutet af 1600 talet (1864), und bibliographisch von G. A. Klemming, Sveriges dramatiska literatur (1863–79), und F. A. Dahlgrén, Förteckning öfver svenska skådespel (1866) bearbeitet. Die Geschichte der Presse schrieben Otto Sylvan bis 1772 (1896) und Bernh. Lundstedt von 1812–94 (1896, 2 Bde.). – Die Kunstgeschichte behandelten H. Laurin, Konsthistoria (illustriert, 1900), und mit besonderm Erfolg Georg Nordensvan, Svensk konst och konstnärer i 19. årh. (illustriert, 1892) und De bildande konsternas historia i 19. årh. (illustriert, 1900–0 1).

Bibliographische Nachschlagewerke sind: »Biographiskt lexikon« (Upsala 1835 ff.); Schück, Bibliografiska och litteraturhistoriska anteckningar (das. 1896); Meyer, Svenskt literaturlexikon (1886). Von Ausländern schrieben über s. L. unter andern L. Dietrichson, Indledning i studiet af Sveriges literatur i vortaarhundrede (norweg., Stockh. 1862); F. Bajer, Nordens politiske digtning 1789–1807 (dän., Kopenh. 1895); Wollheim da Fonseca, Nationalliteratur der Skandinavier (Berl. 1871 bis 1877); Winkel-Horn, Geschichte der Literatur des skandinavischen Nordens (deutsch, Leipz. 1880); Schweitzer, Geschichte der skandinavischen Literatur (das. 1886–89, 3 Bde.). Als Anthologien seien genannt: Ad. Noreen und E. Meyer, Valda stycken af svenska forfattare 1526–1732 (Upsala 1893) und Svenska parnassen, und die guten Übersetzungen Hans v. Gumppenbergs: »S ch wedische Lyrik« (Münch. 1903). Unter dem Titel »Svenskt porträttgalleri« (Stockh., seit 1895) erscheint ein Sammelwerk mit Abbildungen und kurzen Biographien der bedeutendern modernern Schriftsteller. Als allgemeines Nachschlagewerk diene »Nordisk familjebok« (neue Aufl., Stockh. 1903 ff.).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.