Schwangerschaft

Schwangerschaft

Schwangerschaft (Graviditas), derjenige Zustand des weiblichen Organismus, der mit der Empfängnis beginnt und mit der Geburt abschließt. Die Empfängnis, als der Anfang der S., ist Folge einer fruchtbaren Begattung. Die Befruchtung des Eies geschieht im Eileiter, aus dem es durch die Flimmerbewegung des Schleimhautepithels in die Gebärmutter gelangt, an deren Schleimhaut es sich festsetzt. Es wird hier ernährt, wächst und erhält im Laufe der S. seine vollkommene Reise, wozu beim Menschen in der Regel ein Zeitraum von 40 Wochen = 10 Schwangerschaftsmonaten oder 9 Kalendermonaten erforderlich ist. Kommen durch die Begattung mehrere Eier zur Befruchtung, oder hat das befruchtete Ei mehrere Keimanlagen, so entsteht eine mehrfache S. Die größte Zahl der dabei vorkommenden Früchte beträgt nach sichern Beobachtungen beim Menschen fünf. An der Stelle, wo sich das Ei der Gebärmutterwand angelegt hat, entwickelt sich im weitern Verlaufe der Mutterkuchen. In ihm kommen kindliche und mütterliche Blutgefäße in so nahe Berührung, daß ein ausgiebiger Gas- und Stoffaustausch zwischen fötalem und mütterlichem Blut zum Zweck der Atmung und Ernährung des Fötus stattfinden kann.

Während der S. verdickt sich die Wandung der Gebärmutter durch massenhafte Neubildung von glatten Muskelfasern, die nach der Geburt zum allergrößten Teil wieder durch rapide Verfettung und Aufsaugung verschwinden. Durch diese Gewebsbildung wird eine bedeutend Größenzunahme der schwangern Gebärmutter herbeigeführt, die mit dem Wachstum der in letzterer enthaltenen Frucht parallel geht. Die Gebärmutter, die im nicht schwangern Zustand etwa 7–8 cm lang und 4–5 cm breit ist, besitzt am Ende der S. eine Länge von 30 und eine Breite von 25 cm. Während in den ersten drei Monaten der Raum des kleinen Beckens für die allmählich sich vergrößernde Gebärmutter noch ausreicht, ragt sie im vierten Monat bereits mit dem Gebärmuttergrund über den obern Schamfugenrand empor und kann nun von außen deutlich getastet werden. Mit dem weitern Wachstum der Gebärmutter beginnt sich der Unterleib mehr und mehr vorzuwölben. In der 24. Woche erreicht der Gebärmuttergrund Nabelhöhe, in der 36. Woche die Magengrube. In der letzten Woche der S. senkt er sich etwas nach vorn und kommt dadurch wieder tiefer zu stehen. Von der 20. Woche an sind die kindlichen Herztöne durch Auskultation wahrnehmbar. Um dieselbe Zeit pflegt die Frau die Bewegungen des Kindes zum erstenmal zu spüren. Die Brüste werden schon in den ersten Monaten größer und praller, die oberflächlichen Venen schimmern als bläuliche Stränge durch die zarte Haut hindurch. Der Warzenhof färbt sich bräunlich, seine Talgdrüsen schwellen an, die Warze wird länger, auf Druck entleert sich eine helle, wässerige, später gelblich gefärbte Flüssigkeit. Das Allgemeinbefinden kann mannigfache Störungen erleiden. Übelkeit und Erbrechen, besonders in den Morgenstunden auftretend, sind häufig das erste Zeichen eingetretener S. Es pflegt gegen die Mitte der S. wieder zu schwinden. Seltener ist Speichelfluß. Eigentümlich sind die Gelüste der Schwangern nach manchen Speisen sowie Widerwille gegen andre. Störungen im Nervensystem äußern sich in vorübergehenden Schmerzen neuralgischer Art. Die Gemütsstimmung ist eine wechselnde, mit vorherrschender Depression.

Die zahlreichen Erscheinungen, die den Eintritt und den Verlauf der S. bezeichnen, haben einen sehr verschiedenen diagnostischen Wert. Zu den wahrscheinlichen Zeichen der S. gehört das Ausbleiben der Menstruation; doch können hieran auch andre krankhafte Zustände schuld sein, während anderseits die Menstruation auch bei bestehender S. noch einmal oder einigemal wiederkehren kann. Ebenso gehören die charakteristischen Veränderungen an den Brüsten und das Anschwellen des Unterleibes zu den wahrscheinlichen Zeichen der S. Zu den sichern Zeichen gehören die Herztöne der Frucht, die man beim Auflegen des Ohres auf den Unterleib der Schwangern wahrnimmt. Dieses Zeichen kann weder fingiert noch verheimlicht werden, tritt aber in der Regel nicht früher als zu Anfang der zweiten Hälfte der S. auf. Ein sicheres Zeichen sind ferner die Bewegungen des Kindes im Mutterleib, vorausgesetzt, daß nicht bloß die Mutter sie zu fühlen glaubt, sondern daß sie auch durch die von außenher aufgelegte Hand wahrgenommen werden können. Es kann aber dieses Zeichen trotz einer lebenden Frucht im Mutterleib auch ganz fehlen. Gewißheit von einer Zwillingsschwangerschaft kann man nur dadurch erlangen, daß man die Herztöne beider Fötus getrennt wahrnimmt. Die wahre Dauer der S., gerechnet vom Moment der Befruchtung bis zur Geburt, kennen wir nicht, da der Zeitpunkt der Befruchtung, d. h. des Zusammentreffens von Samen und Ei, unbekannt ist. Vom ersten Tage der letzten Menstruation an gerechnet beträgt die Dauer der S. im Durchschnitt 280 Tage oder 40 Wochen. Um den Tag der Niederkunft zu bestimmen, ist es am einfachsten, vom ersten Tag der letzten Menstruation drei Monate zurück und dann sieben Tage hinzuzuzählen; der so gefundene Tag ist derjenige, an dem die Niederkunft zu erwarten steht. Zur schnellern Berechnung des Termins der Niederkunft sind sogen. Schwangerschaftskalender aufgestellt worden. Wenn eine Frau vor der S. gar nicht oder nur unregelmäßig menstruiert gewesen ist, oder wenn die Menstruation während der S. noch einigemal wiedergekehrt ist, so berechnet man die Niederkunft nach der Zeit, wo zum erstenmal deutliche Kindsbewegungen gefühlt worden sind. Da dies gewöhnlich in die 18.–20. Woche fällt, so wären also von dem Zeitpunkt der ersten Kindsbewegung ab noch 20–22 Wochen bis zur Niederkunft zu rechnen. Der Tag der Niederkunft läßt sich nie ganz genau vorhersagen. § 1592 des Bürgerlichen Gesetzbuches setzt als Empfängniszeit die Zeit von 181–302 Tagen vor dem Tage der Geburt fest. Die untere Grenze des intrauterinen Lebens ist nach Winckel auf 240. die obere auf 336 Tage festzusetzen. Nach Zweifel ist für große Kinder von mehr als 4000 g und 52 cm die Grenze von 302 Tagen zu erweitern.

Schwangere sollen diejenige Lebensweise möglichst beibehalten, bei der sie sich auch außer der S. wohl befunden haben. Äußerst wohltätig wirken auf den Verlauf der S. gleichmäßige, heitere Gemütsstimmung, Genuß der frischen Luft und besonders regelmäßige Bewegung im Freien. In Konzertsälen, Theatern und Kirchen, d. h. also in Räumen mit verdorbener oder wenigstens nicht frischer Luft, werden die Schwangern leicht von Ohnmachten und andern Zufällen betroffen. Ermüdende Bewegungen und körperliche Anstrengungen (Tanzen, Fahren, Heben von Lasten etc.) sind zu widerraten. Auch der Beischlaf soll in der S. selten gepflogen und muß gegen ihr Ende ganz unterlassen werden; schwerverdauliche, stark gewürzte Speisen und erhitzende Getränke sind zu vermeiden. Der Gebrauch der Schnürleiber ist durchaus zu widerraten. Die Beschwerden, die ein bei wiederholter S. infolge Erschlaffung der Bauchdecken entstandener starker Hängebauch verursacht, beseitigt man durch Tragen einer gut passenden Leibbinde. Ganz besondere Rücksicht verdient die Pflege der Brüste.

Nicht immer nimmt die S. normalen Verlauf. Während unter normalen Verhältnissen das befruchtete Ei in die Gebärmutter gelangt und hier seine weitere Entwickelung erfährt, findet in Ausnahmefällen Ansiedelung und Wachstum des befruchteten Eies außerhalb der Gebärmutter statt (ektopische S., Graviditas extra-uterina). Je nach dem Ort, an dem sich das befruchtete Ei festsetzt, unterscheidet man Eileiter-, Eierstocks- und Abdominal- oder Bauchhöhlenschwangerschaft. Letztere kommt wahrscheinlich nur sekundär zustande, indem bei einer Eileiter- oder Eierstocksschwangerschaft durch Bersten des Fruchtsackes die Frucht in die Bauchhöhle gelangt und hier sich weiter entwickelt oder abstirbt und dann vereitert oder verkalkt (Steinkind, Lithopaedion). Weitaus am häufigsten ist die Eileiterschwangerschaft. Sie verläuft in den seltensten Fällen ungestört, so daß am Ende der S. ein reifes, lebendes Kind durch Leibschnitt entwickelt werden kann. Meistens kommt es in den ersten Monaten zum Abortus oder zur Ruptur des Eileiters. Dieser Vorgang führt zu einer mehr oder minder starken Blutung, die, wenn sie in die freie Bauchhöhle erfolgt, in kürzester Frist den Verblutungstod herbeiführen kann. Während in den leichtern Fällen oft Bettruhe und eine symptomatische Behandlung genügen, um die Resorption des Blutergusses und damit völlige Heilung herbeizuführen, kann bei schweren Blutungen nur durch schnelles, operatives Eingreifen die Gefahr der Verblutung ab gewendet werden. Vgl. v. Ammon, Die ersten Mutterpflichten und die erste Kindespflege (39. Aufl., Leipz. 1905); Burckhardt, Das Buch der jungen Frau (5. Aufl., das. 1899); Faber, Hygiene der S. (Berl. 1890); Eisenberg, Hygiene der S. (Wien 1892).

Bei den Haustieren wird die S. als Trächtigkeit bezeichnet. Die Trächtigkeitsdauer wird von der letzten Brunst ab berechnet und ist folgende: bei der Stute 11 Monate und einige Tage oder ungefähr 48 Wochen, mit erheblichen Schwankungen (bei 80 Proz. zwischen 331 und 350 Tagen); bei der Eselstute im Durchschnitt 360 Tage; bei der Kuh 280 Tage oder 40 Wochen (Schwankungen zwischen 240 und 320 Tagen); bei Schaf und Ziege durchschnittlich 152, bei der Sau 115 Tage (mit Schwankungen bis zu höchstens je einer Woche vor und nach jener Zeit); bei der Hündin 58–62 Tage, bei der Katze einige Tage weniger, beim Kaninchen 28–30 Tage; der Elefant trägt 21, die Giraffe 15 und das Kamel 12 Monate. Schweine, Fleischfresser sind multipar, d. h. sie tragen in der Regel eine größere Zahl von Jungen zugleich aus, die nach der Geburt als ein Satz oder Wurf bezeichnet werden. Die Sau trägt in der Regel 6–12, die Hündin 3–10, die Katze 3 bis 6, das Kaninchen 4–12 Junge. Pferde und Wiederkäuer werden als unipar, eingebärend, bezeichnet, doch sind bei Ziegen Zwillingsgeburten die Regel und bei Schafen sehr häufig, bei manchen Rassen ebenfalls Regel. Bei Kühen dagegen betragen die Zwillingsgeburten nur 1–2 Proz. (wie beim Menschen), und beim Pferde sind sie selten. Mehrgeburten kommen überall als Ausnahme, am seltensten beim Pferde, vor. Da die Tiere bald nach der Geburt in der Regel wieder brünstig werden, d. h. die Begattung zulassen, so können nach der Dauer der S. die Fleischfresser, Schweine und kleinen Wiederkäuer zweimal im Jahre gebären, was man bei letztern jedoch aus wirtschaftlichen Gründen nicht herbeiführt. In der zweiten Hälfte der S. ist auch bei Tieren die Diät zu beachten. Die Haltung der Tiere muß dann ruhig, die Ernährung wegen des Stoffverbrauchs durch das starkwachsende Junge reichlich und passend zusammengesetzt und der Standplatz im Stall bequem sein. Die Stute verrichtet am besten noch regelmäßige, jedoch leichte (landwirtschaftliche) Arbeit bis gegen den letzten Monat, dann ist sie nur noch täglich eine Stunde zu führen. Die Kuh wird 8–6 Wochen vor der Geburt nicht mehr gemolken (Trockenstehen, s. Euter). Für Sauen ist Weidegang sehr zuträglich, in den letzten 14 Tagen werden sie abgesondert, müssen aber möglichst auch einen freien Platz dicht am Stall erhalten. Bei allen Tieren besteht die Gefahr des abnorm frühen Endes der S. (s. Fehlgeburt). Vgl. auch Geburt und Geburtshilfe.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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