Renaissance


Renaissance

Renaissance (franz., spr. rönäßāngß', »Wiedergeburt«, nämlich des klassischen Altertums) bezeichnet im weitern Sinne jede Erneuerung einer ältern Kultur (z. B. wird von einer »karolingischen R.« gesprochen), im besondern aber die Kulturperiode, die vom Mittelalter zur Neuzeit überführt und äußerlich dadurch gekennzeichnet wird, daß die Antike mit Eifer durchforscht und für das Leben nutzbar gemacht wurde. Am frühesten äußerte sich diese Tätigkeit in Italien und in bezug auf die alten Schriftsteller (vgl. Humanismus, S. 627), aber die Wiederbelebung der Antike, die Beschäftigung mit ihren Kulturleistungen, war nicht, wie es den Zeitgenossen erschien, das Eigenartige an der neuen Zeit, sondern die Überlieferung der Antike bildete nur das Material, auf das sich das Denken zunächst erstreckte, mit dem man arbeitete, während eine neue Art der Weltbetrachtung, das individualistische Denken, üblich wurde und in organischer Weiterbildung des reisen Mittelalters neue Werte erzeugte. Der Träger der neuen individualistischen Kultur, die mit der Gebundenheit des Mittelalters brach, wurde das Bürgertum, und ihre wesentlichste Äußerung besteht in der Durchgeistigung des Denkens, in der Gewöhnung zur Abstraktion. Deshalb geht die moderne Wissenschaft in allen ihren Zweigen auf die R. zurück, und die Einbürgerung eines höhern, auf geistigen Beziehungen, nicht auf zufälliger Berufsgleichheit ruhenden gesellschaftlichen Verkehrs mit persönlicher Freundschaft und Briefwechsel, gemeinsamem Kunstgenuß und gegenseitiger Anregung wird ihr verdankt. Ihren Ausgang nahm die R. von den italienischen Stadtstaaten, und Florenz bildete seit 1400 den Mittelpunkt der neuen Kulturwelt. Deutschland wurde besonders durch die Konzilien von Konstanz und Basel mit ihr bekannt, und seine besten Köpfe bemühten sich erfolgreich, ihre Errungenschaften mit dem Überlieferten zu verbinden, so daß eine bodenständige deutsche R. entstand: die vom deutschen Bürgertum beherrschte Kultur des Reformationszeitalters. Das gesamte wirtschaftliche und geistige Leben wurde dadurch umgewandelt. Der Nachahmung des klassischen Lateins in der gelehrten Literatur ging die Verwendung der Volkssprachen, zunächst in der Dichtung, dann in Chroniken und Flugschriften, parallel; die Wissenschaften sonderten sich mehr und mehr und fanden in den Universitäten unabhängige Pflegestätten, während die Theologie aufhörte, als Inbegriff aller Wissenschaft betrachtet zu werden; Erfindungen und Entdeckungen erweiterten den Horizont der Menschen und förderten die Gewöhnung an kausales Denken; die Politik begann mit Bewußtsein die Erreichung bestimmter staatlicher Zwecke als ihre Aufgabe zu betrachten; das Wirtschaftsleben aber stellte sich die Aufgabe, die Natur möglichst erfolgreich zu bezwingen und auszunutzen, um möglichst großen Gewinn zu erzielen. Durch diesen gewaltigen Umschwung in der Denkrichtung, der sich in Deutschland im 15. Jahrh. vollzog, wurden alle Lebensordnungen erschüttert, und es entstand ein revolutionärer Geist, der alles Bestehende angriff und bei ungenügender Erfahrung keine Schranken des Möglichen kannte. Die überlegene Geringschätzung gegenüber der gelten den Ordnung und das Streben, die alten bindenden Fesseln zu sprengen, brachte zugleich eine allgemeine Unsicherheit in die sittlichen Begriffe, und da neue sittliche Normen, die der individualistische Mensch in sich selbst suchen mußte und nicht mehr wie ehedem als etwas Gegebenes außerhalb seines Ich vorfand, fehlten, so herrschte eine allgemeine Unsittlichkeit, die bei den Begabtesten in schrankenlosem Streben nach Herrschaft (Machiavelli), in der Gier nach materiellem Gewinn und Lebensgenuß, höherm und niedrigerm, zum Ausdruck kam.

Die wirtschaftliche Voraussetzung für diesen Umschwung aber bildete der allgemeine Wohlstand, der im ausgehenden Mittelalter in den italienischen und ähnlich in den deutschen Städten herrschte, und der zum erstenmal eine Verwendung der Kunst im Interesse einer breiten bürgerlichen Bevölkerungsschicht gestattete. Diese Seite der Entwickelung ist am frühesten beobachtet und am meisten durchforscht worden, und deshalb hat das Wort R. eine besondere kunstgeschichtliche Bedeutung, indem es nicht nur zur Charakteristik der Kunstleistungen des oben geschilderten Zeitraums verwendet wird, sondern zugleich eine Stilrichtung bezeichnet. Indes ist über die Anwendung und Umgrenzung des Wortes R. unter den Forschern bisher keine Einigung erzielt worden. Im engern Sinne bedeutet R. auch hier die »Wiedergeburt« der Kunst des klassischen Altertums. Da aber während des 15. Jahrh., der Frührenaissance, von einer solchen Wiedergeburt nur in beschränktem Sinne die Rede sein kann, der Anschluß an das Altertum sich im wesentlichen nur in der Übernahme von Schmuckformen etc. äußerte, während das Charakteristische der Kunst in dem Wiedererwachen des Naturgefühls und in der Individualisierung des Künstlers liegt, so kam man dazu, den Begriff auf die gesamte Verjüngung oder »Neugeburt« der Künste seit Dante und Petrarca auszudehnen. Doch auch hier blieb man nicht stehen. Seitdem man die europäische Kunst in ihrer Gesamterscheinung studierte und zur Erkenntnis der Beziehungen und Wechselwirkungen zwischen der frankoflämischen, burgundischen, rheinischen und italienischen Kunst kam, bezog man neben Giotto auch die van Eyck, Claus Sluter etc. ein. So umschließt der Ausdruck R. heute ganz verschiedene Begriffe. Ebenso mißverständlich ist das Wort Protorenaissance, da man z. B. Niccola Pisano (s. d.) früher als einen Vorläufer der eigentlichen R. betrachtete, während die antiken Bestandteile seiner Kunst heute als die letzten Ausläufer des Altertums gelten. In der italienischen Kunst umfaßt die Frührenaissance das 15. Jahrh. (Quattrocento), die Hochrenaissance die Zeit bis 1560 oder 1580 (Cinquecento). Die dann einsetzende Spätrenaissance leitete bald in den Barockstil über. Von Italien aus verbreitete sich die klassische Kunstrichtung im Laufe des 16. Jahrh. nach Frankreich, Deutschland und den übrigen Ländern, vermischte sich aber hier mit nationalen Elementen und drang nicht in allen Künsten gleichmäßig durch. Näheres s. bei Architektur (mit Tafeln X u. XI), Bildhauerkunst und Malerei. Ihren letzten Ausläufer fand die R. in der Kunst des Rokoko (s. d.), und darauf folgte eine Reaktion durch erneuten strengern Anschluß an die römische und griechische Antike, die man allmählich in ihrer Reinheit erkennen lernte. Ihre Nachahmung (besonders durch Schinkel und Klenze und ihre Nachfolger in Deutschland) führte aber schließlich zu übergroßer Nüchternheit, so daß seit dem Beginn der 1860er Jahre eine »R. der R.«im Gegensatz zum Klassizismus möglich wurde. Die alleinige Herrschaft dieser neuen R. in der Architektur und im Kunstgewerbe dauerte aber nur bis etwa 1880. Seit dieser Zeit rivalisierte mit ihr die Nachahmung der Barock- und Rokokokunst. Vgl. außer den bei »Architektur«, »Kunstwissenschaft« etc. angeführten geschichtlichen Werken: Burckhardt, Die Kultur der R. in Italien (9. Aufl., Leipz. 1904, 2 Bde.); Voigt, Die Wiederbelebung des klassischen Altertums (3. Aufl., Berl. 1893, 2 Bde.); Janitschek, Die Gesellschaft der R. in Italien (Stuttg. 1879); Biese, Die Entwickelung des Naturgefühls im Mittelalter und der Neuzeit (Leipz. 1887); W. Pater, R., studies in art and poetry (Lond. 1900; deutsch, Jena 1902); Saitschick, Menschen und Kunst der italienischen R. (Berl. 1903, 2 Bde.); Arnold, Die Kultur der R. (Leipz. 1904, Sammlung Göschen); Wölfflin, R. und Barock (2. Aufl., Münch. 1907); L. Schmidt, Frauenbriefe der R. (Berl. 1906).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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