Rechtschreibung


Rechtschreibung

Rechtschreibung (griech. Orthographie), die richtige Wiedergabe der Sprachlaute durch Schriftzeichen. Diese Aufgabe einer jeden Schriftart ist freilich zu allen Zeiten ein unerreichtes Ideal geblieben, da die Schrift, aus Malerei und Bilderschrift entstanden, die zahllosen Lautschattierungen der menschlichen Stimme von Anfang an nur höchst ungenügend wiederzugeben vermochte. Hierzu kommt, daß fast alle modernen Alphabete Europas aus dem griechischen und lateinischen abgeleitet sind, die ihrerseits wieder auf das phönikische wie dieses auf das ägyptische Alphabet zurückgehen. Bei diesen wiederholten Übertragungen hat die Deutlichkeit der Lautbezeichnung stark gelitten, auch entwickelten sich viele Schwankungen und örtliche Verschiedenheiten, indem die fremden Schriftzeichen bald so, bald anders zur Bezeichnung der heimischen Laute verwendet wurden. Kamen dann Bestrebungen, die R. einheitlich zu gestalten, so entstand, je mehr diese Bestrebungen von Erfolg gekrönt waren, eine desto größere Ungleichheit zwischen Sprache und Schrift, da jede Sprache sich rasch verändert, während die R. diesen Veränderungen nur sehr langsam oder gar nicht zu folgen vermochte. Versuche, die R. zu verbessern, treten in der Geschichte schon sehr früh auf, und oft waren die Bemühungen darum, Sprache und Schrift in angemessenen Einklang miteinander zu bringen, vergeblich, z. B. die in neuester Zeit in England gemachten Versuche, der im Englischen besonders starken Verschiedenheit zwischen R. und Aussprache durch Einführung neuer Lautzeichen abzuhelfen. Vgl. Max Müller, On spelling (Lond. 1876); Gladstone, Spelling reform (das. 1878).

Die deutsche R. war im Mittelalter viel weniger einheitlich in den verschiedenen Teilen Deutschlands als heutzutage, dafür aber auch besser im Einklang mit der jeweiligen Aussprache. Erst die Reformationszeit brachte eine durch den Buchdruck und die Fortschritte des Schulwesens gestützte Einheitsbewegung, der dann die klassische Literatur des 18. Jahrh. und die politische Einigung, das Zeitungswesen und die bessern Verkehrsmittel zustatten kamen. J. Grimm wirkte auf die deutsche R. insofern keineswegs günstig ein, als er durch Betonung der Abstammung der Wörter, überhaupt des historischen Standpunktes in der R. die mühsam errungene Einheit wieder gefährdete. Die in philologischen Werken früher häufig begegnende Schreibung der Hauptwörter mit kleinen Buchstaben geht auf Grimm zurück; in noch viel weitern Kreisen hat seine freilich auch durch die Übereinstimmung mit den Alphabeten der Nachbarvölker unterstützte Befürwortung der lateinischen Schrift (Antiqua) an Stelle der deutschen (Fraktur) Anklang gefunden. Auf die historische Schule folgte eine phonetische Richtung in der R. Hatte schon im 18. Jahrh. Adelung den Grundsatz aufgestellt: »Schreibe, wie du sprichst«, so wies nun R. v. Raumer in seinen vielgelesenen Schriften darauf hin, daß die deutschen Buchstaben zum Teil mehrdeutig sind, wie z. B. sin dem Worte »lesen« stimmhaft, in »erste« stimmlos und in »spielen« nach der gewöhnlichen Aussprache sogar ein sch ist; daß anderseits der nämliche Laut vielfach durch verschiedene Buchstaben bezeichnet wird, so das t in »Heimat« neben dem dt in »Stadt«, dem th in »Thron«, die zusammengesetzten Zeichen ts, cks, chs in »Orts, Knicks, Achsel« neben dem einfachen z, x in andern Wörtern, das Nebeneinander von f, v, ph, vonen und äu, von ei und ai, die regellose R. der Fremdwörter; daß ferner zur Bezeichnung langer Silben bald das Dehnungs-h, bald (nach i) das e verwendet wird, bald gar keine Bezeichnung eintritt, während die Kürze eines Vokals bald durch Verdoppelung der Konsonanten, bald gar nicht ausgedrückt wird, etc. Obwohl nun Raumer die Einheit der R. als höchstes Postulat aufgestellt hatte, so wurde doch vielfach der Versuch gemacht, die Ergebnisse der orthographischen Forschungen praktisch zu verwerten, und das Ergebnis war eine stets zunehmende Unsicherheit der deutschen R. Um ihr abzuhelfen, veröffentlichten das hannoversche Oberkollegium (1856), die Leipziger Lehrer (1857) und die Berliner Oberlehrer (1871) neue Regelbücher, wurde 1876 von der preußischen Regierung eine Konferenz »zur Herstellung größerer Einigung in der deutschen R.« nach Berlin einberufen und erfolgte endlich die Veröffentlichung der bayrischen und preußischen offiziellen Regelbücher 1879 und 1880 (vgl. Puttkamer 1), die dann bald in allen Ländern deutscher Zunge angenommen wurden. Nach der »neuen Orthographie« sollten nun die nach Tausenden zählenden Verba auf iren, ieren mit ie geschrieben werden, also stolzieren, inspizieren, nicht: stolziren etc. Ferner sollte das th, das in deutschen Wörtern wie Zierat, Armut längst wankend geworden war, jetzt im Auslaut und in den Endungen tum, tüm ganz wegfallen und nur im Anlaut vor einfachen Vokalen stehen bleiben, also: Glut, Not, Atem, Altertum, Ungetüm, auch Teil, verteidigen; aber That, Thor, Unterthan wie bis bisher; die Vokalverdoppelung sollte in Wörtern wie Ware, Schar wegfallen, aber in scheel, Paar etc. erhalten bleiben, u. dgl. m. Diese wenn auch im Verhältnis zum Ganzen nicht umfassenden Neuerungen riefen anfangs eine starke Opposition hervor, an der sich sogar der deutsche Reichstag und Fürst Bismarck beteiligten; gleichwohl hat sich die neue R. durch die ungeheure Macht der Schule und des Buchdrucks rasch in den weitesten Kreisen Bahn gebrochen und ist der jüngern Generation die allein geläufige geworden. Eine immer weiter fortschreitende Vereinheitlichung bedeuten in der neuesten Zeit noch die Beschlüsse der von den Regierungen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz einberufenen Berliner orthographischen Konferenz von 1901, die inzwischen auch für die Reichsbehörden maßgebend gewordenen Anordnungen des preußischen Ministeriums von 1903 und endlich die Beschlüsse der zur Regelung der naturwissenschaftlichen und technischen Orthographie vom Verein deutscher Ingenieure 1904 nach Berlin einberufenen orthographischen Konferenz (niedergelegt in der »Rechtschreibung der naturwissenschaftlichen und technischen Fremdwörter«, hrsg. vom Verein deutscher Ingenieure, bearbeitet von H. Jansen, Berl. 1907). Vgl. Wilmanns, Die Orthographie in den Schulen Deutschlands (2. Ausg. des »Kommentars zur preußischen Schulorthographie«, Berl. 188k); Duden, Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache (8. Aufl., Leipz. 1905) und Rechtschreibung der Buchdruckereien deutscher Sprache (2. Aufl., das. 1907); Sarrazin, Wörterbuch für eine deutsche Einheitsschreibung (3. Aufl., Berl. 1906).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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