Portugiesische Literatur


Portugiesische Literatur

Portugiesische Literatur. Wie die deutsche Literatur in Goethe, die englische in Shakespeare, die italienische in Dante ihre größten. alle andern überragenden Vertreter gefunden hat, so ist auch die p. L. durch einen Namen von strahlendem Glanz ausgezeichnet: durch den des Verfassers der »Lusiaden, Luis de Camões, den Schöpfer und Vollender des Kunstepos, das für den Mangel eines portugiesischen Volksepos glänzend entschädigt. Nächstdem erscheint die p. L. bedeutungsvoll dadurch, daß sie die Gattung des prosaischen Ritterromans geschaffen hat, dessen Urbild, der Tugendheld Amadis, aus Portugal stammt. Von nicht geringerm Einfluß für die Literatur der andern Länder Europas war die Anregung zur Ausbildung des Schäferromans, die von Montemayors -Diana« ausging. Schon in diesen beiden Werken, im »Amadis« und in der »Diana«, verrät sich der charakteristische Grundzug der portugiesischen Literatur: lyrische Weichheit und schwärmerische Sentimentalität. Am reichsten entwickelt hat sich daher auch die Lyrik und insbes. die bukolische Poesie in Portugal. Wie groß der Anteil der Portugiesen an der Entwickelung der peninsularen Volksepik, des Romancero, war, ist schwer zu bestimmen, da viele von ihnen sich der kastilianischen Sprache bedient haben; doch sprechen zahlreiche Tatsachen dafür, daß er bedeutend war. An authentischen Überresten der primitiven Volksdichtung aus den ersten Jahrhunderten fehlt es, wie bei fast allen Nationen; doch war gerade in Portugal der Einfluß gewisser lyrischer Tanz- und Sangesweisen, die bis zum heutigen Tag im Volksmund fortleben, auf die Kunstpoesie schon im 13. Jahrh. so unmittelbar und einschneidend, daß wir an den höfischen Nachahmungen von Königen und Rittern erkennbare Spiegelbilder der volkstümlichen Vorlagen erblicken, an denen Hirten und Bauern sich ergötzten.

Nach den jedesmaligen fremden Einwirkungen, denen die Kunstpoesie sich hingab, kann man ihre Geschichte in vier Perioden zerlegen. In ihrer ersten Epoche bis gegen Ausgang des 14. Jahrh. stand sie unter dem Einfluß der provenzalischen Troubadoure; in der zweiten, bis Anfang des 16. Jahrh., unter den national spanischen Formen, an deren Ausbildung sie tatkräftigen Anteil nahm; in der dritten bildete sie sich nach klassisch-italienischen, und im Drama wieder nach spanischen Mustern; in der vierten, von der Mitte des 18. Jahrh. bis auf die Gegenwart, vorwiegend nach französischen Vorbildern, zu denen sich seit der romantischen Bewegung auch germanische gesellen.

Erste Periode (1200–1385).

Aus der ältesten Zeit der portugiesischen Geschichte, dem 11. und 12. Jahrh., sind keine echten Denkmäler in der Nationalsprache erhalten. Aber bereits 100 Jahre nach der Begründung Portugals durch Heinrich von Burgund erklang am Hof in geschmeidigem Portugiesisch ein gefälliger Nachhall des südfranzösischen Minnesangs, der durch die mannigfaltigsten Berührungen und auf den verschiedensten Wegen Eingang gefunden hatte. Zur Blüte gelangte dieser portugiesisch- provenzalische Minnesang um die Mitte des 13. Jahrh. unter Alfons III. (1248–79) und erreichte seinen Höhepunkt unter deisen Nachfolger, König Diniz (1279–1325). Um diesen, der selbst der fruchtbarste portugiesische Dichter seiner Zeit war, scharen sich 200 Sänger hohen und geringen Standes, Fürsten, Ritter und Knappen, Geistliche und Handwerker. Von den etwa 1700 weltlichen Liedern, die uns aus dieser Zeit erhalten sind, rühren 138 von Diniz selbst her. In den Gedichten dieses Kreises sind deutlich zwei Gruppen zu unterscheiden: in der einen, umfangreichern, sind Inhalt und Form konventionell und abhängig von der provenzalischen Poesie; in der andern, die König Diniz selbst gefördert zu haben scheint, waltet ein kernig volkstümlicher Zug (Frauenlieder, oft in Gesprächsform, Tanzweisen, Wallfahrts-, Schifferlieder etc.); in der Form: Reimpaare, Vorliebe für den Kehrreim und ein eigentümlicher Parallelismus sich ablösender Assonanzen. Eine dritte Gruppe, geistliche Lieder umfassend, lehnt sich zum Teil an die mittellateinische Hymnenpoesie an. Sie ist durch die Könige Diniz und Alfons X. von Kastilien, den »Weisen«, gepflegt worden. Erhalten ist nur das Liederbuch des letztern, in dem 401 Lieder nebst Melodien überliefert sind. Vgl. Bellermann, Die alten Liederbücher der Portugiesen (Berl. 1840); Diez, Über die erste portugiesische Hof- und Kunstpoesie (Bonn 1863, wie Bellermann jetzt veraltet); Th. Braga, Trovadores Galecio-Portuguezes (Porto 1871); H. Lang, Das Liederbuch des Königs Denis (Halle 1894); W. Storck, Hundert altportugiesische Lieder (Paderb. 1885); Leopoldo de Cueto, Las Cantigas de S. Marca de Alfonso X (1897) und vor allem C. Michaelis de Vasconcellos, O Cancioneiro da Ajuda (Halle 1904, 2 Bde.).

Gegen Ende der Epoche scheint der große Sieg bei Tarifa über die Mauren, an denen Portugal teilhatte, den epischen Sinn geweckt zu haben: erhalten sind uns Fragmente einer Reimchronik von Affonso Giraldes, in denen jener Sieg behandelt wird. Die Prosa entwickelte sich in Portugal später als die Poesie: die ältern Werke sind meist noch in lateinischer Sprache abgefaßt. Diese räumt erst seit 1300 das Feld, und fortan erstehen geistliche und weltliche Prosaschriften in immer größerer Zahl. Erwähnung verdienen insbes. drei mit Sagen und Legenden reich durchsetzte kulturgeschichtlich wichtige Livros de linhagem: das »Livro velho«, der »Nobiliario do Collegio dos Nobres« und namentlich der »Nobiliario do Conde de Barcellos« (gedruckt im 1. Bande der »Portugaliae Monumenta historica«). Auch die kurzen Chroniken dieser Zeit verdienen Beachtung.

Zweite Periode (1385–1521).

Auch in Portugal war die zweite Hälfte des 14. und ein großer Teil des 15. Jahrh. den Musen nicht sehr günstig (wie in andern Ländern, z. B. in Deutschland). Unter Alfons IV. (1325–57), Peter dem Grausamen (1357–67) und Ferdinand dem Schwachen (1367–83) sank die p. L. mehr und mehr, und wenn auch die provenzalische Dichtung eine kurze Nachblüte erlebte, so ist doch sehr wenig von diesen Gesängen erhalten. Eigentlich sind nur die Namen einiger Dichter überliefert, wie Fernan Casquicio, Vasco Perez de Camoes (der Ahnherr des Sängers der »Lusiaden«). Vgl. Henry Lang, Cancioneiro Gallegocastelhano (New York 1902). Die Legende bezeichnet auch König Pedro de Portugal als Dichter, der seiner berühmten Geliebten Ines de Castro den Zoll poetischer Huldigung darbrachte; doch gehören seine Lieder in das Reich der Fabel. Etliche Gedichte portugiesischer Sänger der zweiten Hälfte des 14. und der ersten Hälfte des 15. Jahrh. sind in spanischen Sammelwerken erhalten; berühmt sind einige des durch seine Schicksale zu Weltruhm gelangten Macias, der uns Deutschen durch Uhlands Ballade nahegerückt ist (vgl. P. Rennert, Macias o Namorado, Philadel. 1900). Die Mode, sich der stolzern Schwestersprache zu bedienen, griff erst um sich, als in Spanien der italienische Geschmack, Dantesche Allegorien und klassische Gelehrsamkeit als mustergültig betrachtet wurden. In Portugal schloß sich dieser neuen Richtung als erster der Connetable Dom Pedro de Portugal an, der für kurze Zeit in Aragonien den Königstitel trug (geb. 1429, gest. 1466). Seine Dichtungen sind anziehend, gedankenreich, von idealer Gesinnung durchdrungen. Er schrieb ein Klagelied eines unglücklich Liebenden: »Satira de felice e infelice vida«, in verschiedenen Metren; sodann ein moralphilosophisches Werk »Del contempto del mundo« in 125 Oktaven (längere Zeit fälschlich seinem gleichnamigen Vater zugeschrieben); und endlich die »Tragedia de la Reina Isabel«, ein Trauerlied auf den Tod seiner Schwester, der Königin von Portugal, aus Prosa und Poesie gemischt (hrsg. von Carolina Michaëlis de Vasconcellos, Madr. 1899). In Prosaschriften bekundete sein Vater reiches Wissen und edles Streben, vor allem in dem auch durch autobiographische Bekenntnisse wertvollen Werk über Wohltun und Nächstenliebe »Virtuosa bemfeitoria« (nach Senecas »De beneficiis«). Den gelehrten Vasco Fernandez de Lucena veranlaßte er, Schriften Ciceros u. a. ins Portugiesische zu übersetzen, und dieser wußte der Sprache Reize zu verleihen, die Pedro selbst ihr nicht abzulauschen vermochte. Wie dieser Prinz-Regent, so hat sich das ganze Königshaus von João I. an (1385–1433) der portugiesischen Literatur förderlich erwiesen. Königen, Infanten und Infantinnen verdanken wir Prosawerke geistlichen und weltlichen Inhalts, und es ist bei solchem Anteil begreiflich, daß die portugiesische Prosa im 15. Jahrh. erhebliche Fortschritte machte. Ein Unbekannter feierte den portugiesischen Cid, den Connetable Nunálvarez Pereira, der die Dynastie auf den Thron erhoben hatte, in der »Estoria ou Chronica do Condestabre de Portugal«. Ihm folgte der eigentliche Vater der portugiesischen Historiographie, Fernam López, der mit naiver Begeisterung João I. verherrlicht, aber auch die Taten der letzten Könige der ersten Dynastie wahrheitsgetreu zu schildern sucht (»Chronica de D. João I«, »Chronica de D. Pedro I« und »Chronica de D. Fernando«); sodann Gomes Eannes de Azurara, der schwülstig, aber anschaulich und gewissenhaft von den afrikanischen Feldzügen und Entdeckungen berichtet (»Chronica da tomada de Ceuta«, »Chronica do Conde D. Pedro de Meneses«, »Chronica dos feitos de Duarte de Meneses« und »Chronica da conquista de Guiné«), sowie endlich Ruy de Pina, der die Reihe der Königschroniken bis an die Wende des 15. Jahrh. (João 11.) in trocknerer Darstellung fortführt. An Stelle der bereits im 13. Jahrh. begonnenen Bibelbearbeitung wurde jetzt eine neue gefördert, und auch Versionen der französischen RitterromaneLancelot«, »Tristan«, »Merlin«) liefen am Hofe um. Gedruckt ist nur der »Graal« (Wien 1887) sowie eine (galicisch gefärbte) »Historia Troyana« (Madr. 1901).

Die Poesie, und zwar Kunst- und Hofpoesie, gedieh erst vollkommener wieder in der zweiten Hälfte des 15. Jahrh., als heitere Geselligkeit das Hofleben schmückte. Nicht durch Tiefe des Gefühls und Reichtum der Gedanken, wohl aber durch Frische und Laune sind diese in peninsularen Weisen verfaßten Gelegenheitsgedichte ausgezeichnet, die uns durch den »Cancioneiro Geral« des Garcia de Resende erhalten sind (gedruckt 1516). Die bedeutendsten dieser Dichter sind D. João Manuel, D. João de Meneses, João Rodrigues de Sá e Meneses, Diego Brandão, Alvaro de Brito und Fernam de Silveira. Mehrere Dichter, die hier mit Jugendliedern vertreten sind, leiten uns bereits zur 3. Periode hinüber: Christovam Falcão und Bernardim Ribeiro, die ersten und liebenswürdigsten portugiesischen Bukoliker, Gil Vicente, der Schöpfer des Nationaldramas, und Sade Miranda, der Begründer der italienischen Dichterschule. Vgl. Th. Braga, Poetas Palacianos (Porto 1872).

Dritte Periode (1521–1700).

Das charakteristische Neue in Lyrik, Drama und Epos der dritten Periode entstand durch die von Francisco de Sá de Miranda bewirkte Einführung des klassisch-italienischen Stils. durch den das goldene Zeitalter der portugiesischen Literatur eingeleitet wurde. Die erwähnten Dichter Falcão und Ribeiro bedienten sich formell noch der in der vorigen Periode ausgebildeten Weisen, erfüllten sie aber mit neuem Geist: ersterer schrieb außer kleinen Liedern unter dem Pseudonym Chrissal nur eine einzige größere: »Egloga«, in der die am besten durch das unübersetzbare Wort »saudades« bezeichnete Weichheit, melancholische Vagheit und elegische Sentimentalität des portugiesischen Charakters zu klassischem Ausdruck gelangt. Ähnliches gilt von den fünf Idyllen des Bernardim Ribeiro (1482–1552), der aber noch mehr durch seinen Ritter- und Schäferroman »Menina e Moça« berühmt wurde. Zeitgenosse dieser beiden Dichter, von Charakter jedoch ganz verschieden, war Gil Vicente, der portugiesische Plautus. Von 1502–36 schrieb er über 42 Bühnenstücke (Autos, Comedias, Tragicomedias und Farcas), die, volkstümlich in Erfindung und Sprache, eine bunte Reihe von Gestalten aus allen Gesellschaftsschichten, vom König bis zum Bettler, und ihre Sitten wie Unsitten in realistischer Treue vorführen. Die kräftigen Keime, die Gil Vicentes gesund-derbes Talent ausstreute, schlugen freilich nicht Wurzel: er fand keine bedeutenden Schüler; auch die Lustspiele des Lusiaden-Sängers waren seines Genius nicht würdig. Es siegten vielmehr die gelehrt-klassischen Bestrebungen der Quinhentistas, als deren erster Vertreter der erwähnte Francisco de Sáde Miranda (gest. 1558), der Reformator der Lyrik, hervortrat. Er schuf horazische Satiren voll Kraft und Mark (in Briefform), bereicherte die »Eglogas« durch moralphilosophische Gedanken, führte die italienischen Formen (Sonett, Kanzone, Terzinen und Oktaven) in die p. L. ein und folgte in seinen Lustspielen »Os Estrangeiros« und »Os Vilhapandos« dem stilvollen italienischen Regeldrama. Als Dramatiker hatte Miranda nur einen begabten Schüler: Antonio Ferreira (s. d., 1528–1569), der in seinem Lustspiel »O Cioso« (»Der Eifersüchtige«) die erste durchgeführte europäische Charakterkomödie und in seiner »Ines de Castro« die erste portugiesische Verstragödie klassischen Geschmacks und nationalhistorischen Stoffes schrieb. Geringen Erfolg hatte Jorge Ferreira de Vasconcellos (gest. 1582), der in drei Buchdramen die Sittenkomödie novellistischen Zuschnitts einführen wollte: der Geschmack des Volkes blieb Gil Vicente und seinen Nachahmern getreu. – Dagegen erreichte die Lyrik eine rasche und üppige Blüte, wenn auch zunächst in den nach italienischem Geschmack gebildeten Sonetten, Oden, Episteln, Elegien, Epigrammen und Idyllen verschiedener Dichter die schöne Form nicht selten mit kargem Inhalt verbunden war. Weitherziger und mit stärkerm Talent ausgestattet erschienen Diogo Bernardes, der sanfte Sänger des Limaflusses, Jorge de Montemor und Gregorio Silvestre, doch bedienten sich die beiden letztern der spanischen Sprache. Ebenso verlor die p. L. manches tüchtige Talent dadurch, daß die neue humanistische Bewegung die Schriftsteller, wie André de Resende, Diogo de Teive, Achilles Statius, Damiao de Goes, Gaspar Barreiros, Jeronymo Osorio u. a. dahin drängte, ihre Werke lateinisch abzufassen. Dem Humanismus errichtete Johann III. auf der Hochschule von Coimbra eine Heimstätte, aus der die genannten und andre Gelehrte hervorgingen. deren historisch-philologische Werke eine auserwählte Bibliothek bilden. Die Poesien sind in dem »Corpus illustrium poetarum Lusitanorum« gesammelt.

Die literarische Entwickelung ging Hand in Hand mit der politisch-nationalen Kultur und war von dieser abhängig. Das kleine, 2–4 Millionen umfassende Reich hatte 1530 den Gipfelpunkt seiner staatlichen Entwickelung erreicht oder eigentlich schon überschritten und seine Machtsphäre über drei Erdteile ausgedehnt. Man träumte von einer Weltmonarchie. Das schwellende Nationalgefühl betätigte sich nun auch in der Literatur. Zunächst im Ritterroman. Als die bedeutendste Nachahmung des »Amadis«, der auch in seiner hispanisierten Gestalt in Portugal viel gelesen ward, entstand der »Palmeirim de Inglaterra« von Francisco de Moraes (1544). Die bretonischen Ritterromane führte J. Ferreira de Vasconcellos fort in seinem »Sagramor: Memorial das Proezas da segunda tavola redonda«. Die märchenhafte Vorgeschichte des burgundischen Königshauses schrieb der große Historiker João de Barros im Roman »Clarimundo« (1520), während er die nationalen Seezüge und Eroberungen in den »Decadas«, auch »Asia« genannt, verherrlichte (1552–63, 3 Bde.; fortgesetzt von Diogo do Couto, Decadas 4–12, und matter von A. Bocarro). Von dem gleichen nationalen Impuls getragen, erzählte der Sohn des großen Albuquerque (von dem kostbare Briefe erhalten sind) in seinen »Commentarios« von den Heldentaten des Vaters, und Gaspar Correia in den »Lendas da India« von des Vaterlandes Größe und Indiens Pracht. Ihm schlossen sich an Fernam López de Castanheda (gest. 1559, »Historia de Descobrimento da India«), Antonio Galvão (gest. 1557, »Tratado dos desvairados caminhos da pimenta e dos descobrimentos«), Fernam Mendes PintoPeregrinações«) sowie die Reichshistoriographen Garcia de Resende (»Leben Johanns II.«), Ruy de Pina, Damião de GoesChronica de D. Manoel«), Frau eisco de Andrade u. a., die alle auch den indischen Ereignissen ihre Aufmerksamkeit schenkten. Die Dichter dieser Zeit waren durchdrungen von der heißen Sehnsucht, ein nationales Epos, im Sinne Vergils, zu schaffen, doch nur einem gelang der große Wurf: Luis de Camões (s. d.). Sein Beispiel wirkte zündend; kaum waren die »Lusiadas« erschienen (1572), so schossen auch schon die Nachahmungen wie Pilze aus der Erde hervor: Jeronymo de Cortereal schrieb seine Heldengedichte »Segundo cerco de Diu« (1574) und »Naufragio de Sepulveda« (1589), Francisco de Andrade den »Primeiro Cerco de Diu« (1589), Francisco de Sá e Menezes die »Malacca Conquistada«, Rodrigues Lobo, rückwärtsschauend, den »Nunalvares Pereira«, Quevedo e Castello-Branco den »Affonso Africano«, Pereira de Castro die »Ulyssea«, Luis Pereira Brandão die »Elegiada«; aber keiner von ihnen kam an Genie und Begeisterungsglut dem Sänger der »Lusiaden« gleich, der die Gesamtgeschichte der Nation und ihre größte Heldentat, den Sieg über das Meer, in klassischer Darstellung verherrlicht hatte.

Der Rückschlag folgte um 1600. Staatsleben und Literatur sanken zugleich von ihrer Höhe herab. An die Stelle des Patriotismus traten ruhmredige Überschätzung der Nation und haltlose Fälschungen. Die Sprache verkümmerte durch rhetorischen Schwulst und wich während und nach der Zeit der Fremdherrschaft (1580–1640) vollends dem spanischen Idiom. Nur die Lyrik, besonders die, Schäferpoesie, trieb eine reiche Nachblüte: Fernam Alvarez do Oriente, aus Goa, erwies sich in seiner »Lusitania transformada« (1607) als ein würdiger Schüler des Camões; noch bedeutender erscheint Rodrigues Lobo in seinen (halbpoetischen) Romanen »Primavera«, »Pastor Peregrino« und »O Desenganado« sowie in seinem geistvollen Buch über höfische Bildung »Corte na aldeia e noites de inverno«. Auch Bernardo de BritoSylvia de Lisardo«), Manoel da Veiga TagarroLaura de Amphriso«), Eloy de SotomayorRibeiras do Mondego«) gehören zu den gefeierten Bukolikern Portugals. – Bald aber ergriff der Barockstil (Marinismus oder Gongorismus) auch die p. L. wie eine verheerende Seuche; Spielerei, Bombast und Bilderprunk errangen die Herrschaft; so in den Dichtungen von Manoel de Faria e Sousa, Antonio Barbosa BacellarSaudades«), Violante do Ceo, D. Bernarda Ferreira de Lacerda, D. Francisco de Portugal u. a. Anzukämpfen gegen diese Zeitkrankheit wagte nur Jacinto Freire de Andrade. Sich freizuhalten von ihr vermochte Manoel de MelloMusas Portuguesas«, 1665; »Canfonha de Euterpe«): er ist der bedeutendste der Seiscentistas. – Das Drama lag vollends danieder, zumal die begabtern Dichter spanisch schrieben. Zu nennen sind nur MelloO Fidalgo Aprendez«, Lustspiel, Neuausgabe 1899), Simão MachadoDiu« und das Zauberstück »Alfea«), Rodrigues Lobo und Manoel Coelho de Rebello (volkstümliche Zwischenspiele). Auch die komischen Opern des brasilischen Juden Antonio José da Silva (verbrannt 1739) seien bereits hier genannt. – Die Prosa brachte noch Gutes; so in dem »Soldado pratico« des Diogo do Couto, in den »Memorias de um soldado da India« des Francisco Rodrigues Silveira und in dem »Tempo de agora« des Martim Affonso de Miranda, welche die Mißstände der indischen Verwaltung geißeln; sowie in den Schilderungen häuslicher Sitte und Unsitte von Mello (»Carta de guia de casados«) und Diogo Paiva de AndradeCasamento Perfeito«). Das beste Prosawerk der Zeit sind die »Dialogos apologaes« von Mello, moralisierende Gespräche, unter denen das »Dichterkrankenhaus« hervorragt. – Die Geschichtschreibung war stark in Verfall geraten. Der fanatische und kritiklose Polyhistor Faria e Sousa schrieb seine historischen Werke (»Epitome«, »Asia«, »Africa«, »Europa«) in spanischer Sprache; der viel gerühmte Frei Bernardo de BritoMonarchia lusitana«, 1597) bediente sich zwar der Muttersprache und handhabte sie gut, zog aber viel Ungehöriges in seine Darstellungen hinein und befremdet den modernen Leser durch seine naive Kritiklosigkeit; vortrefflich ist hingegen die Fortsetzung von Frei Antonio Brandäo (1609), sowohl was historische Treue als was die Darstellung betrifft. Unter den Chroniken ragen nur die Arbeiten des Frei Luiz de Sousa (gest. 1632) durch Ehrlichkeit und anziehende Darstellung hervor (»Chronik des Dominikanerordens«, »Annalen Johanns III.« und »Leben des Erzbischofs von Braga, Bartholomé dos Martyres«). Als Muster der Grandiloquenz gilt die Lebensbeschreibung des Dom João de Castro, vierten Vizekönigs von Indien, von J. Freire de Andrade (gest. 1657). Der größte Kanzelredner war der edle Menschenfreund und Indianerapostel Antonio Vieira (1608–97; »Predigten und Reden«, 15 Bde.), neben dem sich der Manuel Bernardes (1644–1710) durch schlichte Einfalt des Ausdrucks behauptete. Als Verfasser von Briefen zeichneten sich aus die Nonne Soror Marianna Alcoforado (s. d.) durch ihre fünf berühmten Liebesbriefe und der vielseitige Mello durch seine nach Hunderten zählenden »Cartas familiares«.

Vierte Periode (1700–1820).

Die durch den Methuen-Vertrag von 1703 herbeigeführte merkantilische Abhängigkeit von England brachte die p. L. in eine gewisse Verbindung mit der englischen, die ihr heilsamer war als die Mustergültigkeit der französischen Poesie des Zeitalters Ludwigs XIV. Dennoch blieb im 18. Jahrh. der klassisch-französische Kunstgeschmack der herrschende. Pombals Reformen, welche die Nation in politischer und sozialer Hinsicht hoben und auch das gesunkene Selbstgefühl wieder kräftigten, würden sicherlich bedeutende literarische Früchte getragen haben, wären sie nicht rasch wieder einer bigotten Reaktion unterlegen. An die Spitze der französierenden pseudoklassischen Poesie stellte sich in Portugal der General Francisco Xavier de Meneses, Graf von Ericeira. Nachdem er Boileaus »Art poétique« übertragen hatte, gab er mit seiner poesieleeren Epopöe »Henriqueida« (Lissab. 1741), worin die Gründung der portugiesischen Monarchie durch Heinrich von Burgund besungen ist, zu jener dürftigen Theorie einen dürftigen praktischen Beleg. Ihr folgten Dutzende von Nachahmungen (Beuteida, Brasiliada etc.), deren Namen heute kaum noch genannt werden. Die 1721 nach dem Muster der französischen Akademie gestiftete »Academia real da historia portugueza« gewann auf die schöngeistige Entwickelung keinen Einfluß, förderte aber tüchtige wissenschaftliche Unternehmungen. Mehr wirkte zum Vorteil der Dichtkunst die Gesellschaft der »Arkadier«, die, nach dem gleichnamigen Dichterverein in Rom gebildet, mit der französischen Klassizität und Eleganz den poetischen Geist der einheimischen dichterischen Meisterwerke des 16. Jahrh. zu vereinigen strebte. Zu ihren vorzüglichsten Mitgliedern gehörte P. Ant. Correa Garção (1724–72, s. d.), der mit seinem Takte die Alten nachahmte und sich den mit Rücksicht auf sein Hauptvorbild erteilten Beinamen des »portugiesischen Horaz« erwarb. Neben ihm sind als bessere Vertreter der Dichtkunst zu nennen: der Brasilier Claudio Manoel da Costa, dessen nach altitalienischen Mustern geformte Poesien den Vorzug einfacher, eleganter und doch inniger Sprache haben; Antonio Dinis da Cruz e Silva, feuriger und schwungvoller, aber weniger korrekt in der Diktion, Verfasser eines komischen Epos, »O hyssope« (»Der Sprengwedel«), welches das beste unter den ziemlich zahlreichen heroisch-komischen Gedichten der Portugiesen ist; Manoel de Figueiredo (1725–1801), der sich mit großem Eifer, doch ohne rechten Erfolg bemühte, die dramatische Kunst zu heben; ferner Domingos dos Reis Quita, dessen bukolische Poesien großen Beifall fanden. Auch den anmutigen Elegien, in denen der Brasilier Thomaz Antonio Gonzaga (s. d.) unter dem Namen Dirceu seine unglückliche Liebe zu der schönen Marilia besungen hat, sowie den Sonetten des Paulino Cabral de Vasconcellos gebührt auszeichnende Erwähnung, während der um die kritische Behandlung der heimischen Literatur des 16. Jahrh. verdiente Francisco Diaz Gomez als Poet unbedeutend ist. Gegen Ende des 18. Jahrh. steigerte sich die Gallomanie in Portugal immer mehr; besonders äußerte sie sich in massenhaften Übersetzungen französischer Dichtungen. Doch ragten wiederum einige wirklich ausgezeichnete Dichter hervor. Es waren dies Francisco Manoel do Nascimento, genannt Filinto Elysio (1734–1819), der überall den echten Lyriker verrät, und M. M. Barbosa du Bocage (1765–1805), der in seinem Vaterland berühmteste und volkstümlichste aller Poeten des 18. Jahrh., der mit einem Dutzend Genossen eine zweite schöngeistige Akademie, die »Nova Arcadia«, ins Leben rief. Unverdienterweise wird er von den Literarhistorikern als Urheber einer neuen Art des Gongorismus betrachtet, die nach seinem poetischen Namen (Elmano) die Bezeichnung »Elmanismo« empfangen hat. Die eigentliche Urheberschaft dieser Manier kommt auf Rechnung seiner Nachahmer. Unter ihnen sind hervorzuheben der Tragiker João Baptista Gomes, dessen »Nova Castro« jahrzehntelang ein Lieblingsstück des Publikums blieb, und J. M. da Costa e Silva, Verfasser des anmutigen »Spaziergangs«, »O passeio«. Der klassischen Schule Nascimentos folgten unter anderm Ribeiro dos Santos, Nicolão Tolentino de Almeida (Satiriker) und der philosophische Dichter José Anastácio da Cunha. Treffliche biblische Gedichte und Oden in Miltons und Klopstocks Manier verfaßte der Brasilier Antonio Pereira Souza Caldas. Ein trauriges Zeichen für den dichterischen Geschmack jener Zeit war die Anerkennung, die das dürftige Heldengedicht »O Oriente« des Miguelisten José Agostinho de Macedo fand, der Camoes' unverwelklichen Lorbeerkranz mit afterweiser Kritik zu plündern den eiteln Versuch machte und wirklich bei vielen seiner Zeitgenossen für einen größern Künstler galt als der Verfasser der »Lusiaden«. Die dramatische Poesie stand während des 18. Jahrh. in Portugal unter zwiefachem Einfluß von der Fremde her. Den französischen Vorbildern folgten: Correa Garção in LustspielenTeatro novo« und »Assemblea ou partida«), der auch Komödien in der Manier des Terenz schrieb; die Gräfin Vimieiro, deren Trauerspiel »Osmia« von der Akademie gekrönt wurde; Manoel Gaetano Pimenta de Aguiar, Pedro Nolasco u. a. Daneben hatte sich eine bereits erwähnte, durch die italienischen Opern hervorgerufene Art melodramatischer Komödien gebildet, der jeder höhere Kunstwert abging. Bedeutende schöngeistige Prosawerke hat das 18. Jahrh. nicht hervorgebracht, dagegen viel tüchtige wissenschaftliche Publikationen. Nur die Briefe des Chevaliers Francisco Xavier de Oliveira (1702–83), der in Wien, im Haag und in London als Diplomat lebte, 1761 aber, weil er zum Protestantismus übergetreten war, in seiner Heimat in effigie verbrannt wurde, schrieb 3 Bände »Cartas familiares, historicas politicas e criticas« und »Discursos serios e jocosos«, die manches ernste und manches humorvolle Sittenbild enthalten, in ganz modern klingendem, leicht und gewandt fließendem Portugiesisch.

Fünfte Periode (seit 1820).

Der nationale Zug des 19. Jahrh., auch in Portugal durch die Befreiungskriege geweckt und gesteigert, befreite die p. L. von den fremden, besonders den spanischen Sprachfesseln. Auch sie erlebte ihre romantische Schule, als deren Häupter Almeida-Garrett (1799–1854) und Alexandre Herculano de Carvatho e Araujo (1840–77) hervorragen. Beide lebten wegen ihrer liberalen Gesinnung in der Verbannung und erkannten, aus jahrelanger Beobachtung der Zustände in Frankreich und England, daß nur durch ein tief gemütvolles Studium der einheimischen Literatur und Geschichte die Wiedergeburt des Nationalgeistes zu erhoffen war. Beide haben dieser Reformarbeit ihr Leben gewidmet, haben den Klassizismus (dem Almeida-Garrett in seiner Jugend noch gehuldigt hatte) und die arkadische Tändelei teils aus dem Felde geschlagen, teils zurückgedrängt. Almeida-Garrett (s. d.), der als Lyriker nur in seiner spätern EpocheFolhas cahidas«) Hervorragendes schuf, studierte und sammelte Volkslieder, belebte in episch-lyrischen Dichtungen mittelalterliche Motive, feierte den Lusiadensänger in einem gefühlvollen Epos: »Camões«, und versuchte sich im historischen RomanO Arco de Sant'-Anna«, 1846). Vor allem aber ließ er sich die Begründung eines Nationaltheaters angelegen sein, für das er selbst mehrere Stücke schrieb. Herculano (s. d.) bewährte seine innige Vaterlandsliebe als tiefdringender Geschichtschreiber in seiner vierbändigen »Historia de Portugal«, einem großartigen Torso, schuf in vaterländischen Romanen und Erzählungen Seitenstücke zu Walter Scotts Werken und zu Victor Hugos »Notre Dame de Paris«, in seiner »Harpa do Crente« religiöse Gesänge voll pathetischer Hoheit, denen die p. L. nichts Ähnliches zur Seite zu stellen hat, und die nur mit den erhabenen Gedichten Lamartines, Chateaubriands oder Klopstocks verglichen werden können. Beiden Dichtern an lyrischer Begabung überlegen erscheint ein dritter dieses Kreises: Antonio Feliciano de Castilho (1800–75), ein Sprach- und Verskünstler ersten Ranges, der nur vorübergehend dem ultraromantischen Geschmack huldigte (»Ciumes do Bardo«, »Noite de Castello«), in der bukolischen Poesie, vor allem in den »Excavações poeticas« und den Herbstgedichten »Outomno«, Vorzügliches leistete. Alle drei, Garrett, Herculano und Castilho, haben zahlreiche Schüler und Nachahmer gefunden. Als Dramatiker bewährten sich Gomes de Amorim (1827–92), besonders durch seine Stücke »Odio de raca« und »O cedro vermel ho«, Bilder aus dem Sklavenleben Brasiliens, Mendes Leal (1823–1886), besonders durch »Os dous Renegados«, A. Serpa Pimentel (geb. 1825), Camillo Castello-Branco (1826–90), Ernesto Biester, Ricardo Cordeiro u. a. Doch sie alle haben kein Meisterwerk geschaffen. Übersetzungen, namentlich aus dem Französischen, fuhren fort, die Bühnen Portugals zu beherrschen. In den letzten 30 Jahren hatten die größten Erfolge Pinheiro Chagas mit seinem Drama »A morgadinha de Valflor«; A. Ennes mit »Os Lazaristas«; Lopes de Mendonça mit »O Duque de Viseu«, »A Morta« (Ines de Castro) und »Amor louco«; D. João da Camara mit »D. Affonso VI«. »Alcacer Quebir«, dem Lustspiel »Os Velhos« und »Aldeia na côrte«; E. Schwalbach mit »O Intimo«; F. Caldeira mit »A Madrugada«; Marcelius Mesquita mit »O Regente«, »Semprenoiva« und »Dôr suprema«; Julio Dantas mit »O que morren de amor«, »Viriato Tragico«, »Peraltas e Sécias« und »Ceia dos Cardeaes«.

Die Nachfolger Herculanos pflegten mit Eifer und nicht ohne Glück den historischen Roman; wir nennen als ältere Vertreter dieser Gattung nur Rebello da Silva, Mendes Leal, Gomes de Amor im, Oliveira Martins, Bernardino Pinheiro, Silva Gayo, Arnaldo Gama, den Visconde de Figaniere, Pinheiro Chagas, Camillo Castello-Branco; doch ward im Abenteuerroman und im bürgerlichen Sittenroman ungleich Besseres geleistet, besonders durch die beiden letztgenannten, höchst fruchtbaren Schriftsteller. Camillos »Amor de perdição«, »Amor de salvação« u. a. sind in Stoff, Ausführung, Charakterzeichnung und Sprache echt nationale Werke; auch des Pinheiro Chagas »Tristezas á beiramar« ist sehr beliebt. Natürlich erblühte auch in Portugal der naturalistische Roman, der vor allem durch das starke Talent des Eça de Queiroz (s. d.) gedieh. Schwächere Naturalisten sind Lourenço Pinto, Teixeira de QueirozComedia no campo«, »Acaridade em Lisboa«), Luiz de Magalhães, Fialho d'Almeida, der leider das Gemeine und Abstoßende in den Vordergrund stellt; Alfredo Mesquita; Carlos Malheiro; Sà de Albergaria. Den Familienroman und die Dorfgeschichte pflegten Gomes de AmorimFlandeiras«), Julio DinizAs pupillas do Senhor Reitor« u. a.); kleine Erzählungen schrieben Pedro Ivo, Alberto Braga, Bernardo Pindella, der unter weltmännischer Glätte tiefes Gefühl verbirgt (»Azulejos«), sowie der ausgezeichnete Trindade CoelhoOs meus amores«) u. a. Augenblicklich stehen abermals historische Romane im Vordergrund: »Marques de Pombal«, »Camões«, »Principe Perfeito« etc.

Die romantischen Bestrebungen waren auch in Portugal vor allem der Lyrik günstig, die insbes. in den Zeitschriften »O Trovador« (1844–48) und »Novo Trovador« (1851–56) hervortrat. Als die besten Lyriker sind, abgesehen von dem vielseitigen Gomes de Amorim, der in den »Cantos Matutinos« (1858) und »Ephemeros« sein Bestes gab, zu nennen: Manuel Soares de Passos (gest. 1860), Bulhão-Pato, Serpa Pimentel, dessen balladenartige, melancholische »Solaos« (1839) viel nachgeahmt wurden, L. A. Palmeirim (volksmäßige »Poesias«), Simões DiasPeninsulares«), F. PalhaMusa velha«), João de LemosCancioneiro« u. a.), Mendes Leal, Augusto Luso und vor allem Thomas Ribeiro (geb. 1831), der Lieder und Erzählungen voll Glut und Begeisterung verfaßt und in seinen neuesten Gedichten herzbewegende Klagelieder über den Niedergang des Vaterlandes angestimmt hat.

Als in den 1860er Jahren Castilho sich nicht nur an dem Sänger der »Lusiaden« kritisch versündigt, sondern auch dem jungen Dichtergeschlecht allzu ablehnend entgegengestellt hatte, führte eine weitverbreitete Fehde gegen ihn (Coimbraner Fehde) zur Gründung einer neuen Dichterschule, der escola de Coimbra, durch die den Bestrebungen der führenden Geister Frankreichs und Deutschlands (Quinet, Michelet, Proudhon, Victor Hugo, Comte; Goethe, Hegel) Eingang in die p. L. verschafft wurde. Freilich war es ein buntes Ideengemisch, das die Köpfe der portugiesischen Jugend durchbrauste. Man forderte starke Leidenschaft, schwere Gedanken, haßte alles Akademische, alles Konventionelle, rüttelte an Thron und Altar, liebäugelte zeitweilig mit dem Sozialismus und gebärdete sich durchweg kampflustig und unehrerbietig. Als sich der Sturm gelegt hatte, traten aber wertvolle Erzeugnisse aus Licht, ähnlich wie bei uns 2–3 Jahrzehnte zuvor aus den literarischen Revolutionären des Jungen Deutschland ganz tüchtige Schriftsteller hervorgegangen waren. Die Häupter der neuen Bewegung waren Joao de Deus, der Dichter anmutiger, wohltönender Liebeslieder, der nur wegen seiner Opposition gegen Castilho zu dieser Gruppe gehört; Anthero de Quental, der Verfasser gedankentiefer Oden und pessimistischer Sonette, und Theophilo Braga, der unermüdliche Polyhistor und Einführer des Positivismus in Portugal. Neben ihnen standen der sarkastische. kühne Guerra-Junqueiro, Guilherme de Azevedo, Guilherme Braga, der radikale, antikonventionelle Gomes Leal, der schwermütige Duarte de Almeida, der ernste Ramos CoelhoLampejos«, 1896; »Reflexos«, 1898; »Cambiantes«, 1897), Teixeira Bastos (gest. 1901) mit »Rumores vulcanicos« (1875) u. a. Neben diesen modernen Sturmgeistern blühten und blühen Lyriker, welche die uralten lyrischen Motive in kunstvollern Formen neu gestalten und durch Anlehnung an Campoamor, Heine, die französischen Parnassiens etc. beleben. Zu diesen zartern Sängern und fleißigen Formkünstlern gehören Gonçalves Crespo, João Penha, Christovam Aires, João Diniz, Antonio Feijó, Macedo Papanca, Anthero de Figueiredo, Luis Osorio, João Saraiva; A. Correa d'Oliveira und Silva Gayo, von denen die zwei letztgenannten sich an die besten Klassiker des 16. Jahrh. anlehnen; Fernandes Costa und P. Videira, die das Volkslied verfeinern, sowie Joaquim de Araujo.

Natürlich hat Portugal auch Nachahmer der französischen Impressionisten und Symbolisten hervorgebracht, Dichter, die träumerisch mystischen Inhalt in seltsamen Worten und freien, reimlosen Versen verkörpern. Diese portugiesischen Décadents nannten sich »Wolkenwandler« (»nephelibatas«). Ihr Haupt war Eugenio de CastroOaristos«, »Horas«, »Saphira« etc.), dem sich unter andern D. João de Castro, Antonio Nobre u. a. angeschlossen haben.

Wissenschaftliche Literatur.

Die Erzeugnisse der wissenschaftlichen Literatur Portugals erscheinen dürftig gegenüber denen der übrigen Hauptnationen Europas. Doch haben sich die Anregungen von Garrett und Herculano fruchtbar erwiesen, besonders seit der Coimbraner Fehde. Die Geschichtschreibung, Literaturkunde, Sprachforschung beschäftigt ernste und eifrige Arbeiter, und die von ihnen gewonnenen Ergebnisse werden der folgenden Generation zugute kommen. In der Geschichtschreibung tat sich von Herculanos Nachfolgern besonders Rebello da Silva hervor (»Historia de Portugal nos seculos XVII e XVIII«, Lissab. 1860–71, 5 Bde., und »Memoria sobre a agricultura de Portugal«, 1868) sowie Oliveira Martins, Ramos CoelhoInfante D. Duarte«, 1890), Conde de VillafrancaAllianca Ingleza«), Ribeiro de VasconcellosRainha Santa«, 1894); Ayres de Sa (»Frey Gonzalo Velho«, 1900–01); Anselmo BraamcampBrasões de Cintra«, 1900–01). Kritik an den bestehenden Zuständen und Sitten übten besonders Ramalho Ortigão und Eça de Queiroz in den seit 1890 periodisch erscheinenden »Farpas«, d. h. »Harpunen«, die sie der stierköpfigen Torheit ins Fleisch setzten (Neuausg. in 12 Bänden, Lissab. 1887–94). Ihnen folgte Fialho d'Almeida in den allzu rücksichtslos fauchenden und kratzenden »Gatos« (1890–95). Auch die »Galeria de figuras portuguezas« von L. A. Palmeirim sowie von J. C. Machado »Da loucura e das manias em Portugal« u. a. enthalten aufklärende Schilderungen.

Die hauptsächlichste Gunst und Pflege erfuhren in Portugal in früherer Zeit diejenigen Wissenschaften, die mit der Nautik in mehr oder weniger naher Beziehung stehen. Das Studium der Geographie, Mathematik und Astronomie fand in einigen fürstlichen Häuptern des Landes energische Begünstiger, wie denn aus der vom Infanten Heinrich dem Seefahrer zu Sagres gebildeten Schule der Seewissenschaften, die jener selbst eifrig betrieb, eine Reihe ausgezeichneter Männer hervorging (Barth. Dias, Vasco da Gama, Magalhães u. a.). Die königliche Akademie der Wissenschaften, 1779 vom Duque de Lasoes gestiftet, hat in den ersten 20 Jahren ihres Bestehens recht rührig gearbeitet. Außer den »Memorias« ist ihre wichtigste Leistung eine noch im Erscheinen begriffene Sammlung von Quellenwerken zur Geschichte PortugalsPortugaliae monumenta historica«). Der Mathematiker Garção-Stockler, die Natur- und Geschichtsforscher Correa da Serra und Figueiredo, die Rechtsgelehrten Mello, Figueiredo, Ribeiro dos Santos, Ferreira, Tellez, der Astronom Ferreira d'Araujo, der Botaniker Brotero, die Historiker João Pedro Ribeiro und Ferreira Gordo, der Sprachgelehrte J. de Santa-Rosa de Viterbo, die Literarhistoriker Alexandre Lobo und Gomes Diaz sind über die Landesgrenze hinaus rühmlich bekannt. In der Theologie und namentlich in der Philosophie erhoben sich die Portugiesen niemals zu bedeutenden Leistungen. Die Universitäts-Zeitschrift »O Instituto« (53 Bde.) enthält wertvolle Studien aus allen Wissensgebieten.

Als Quellen der portugiesischen Literaturgeschichte führen wir an: Diogo Barbosa Machado, »Bibliotheca lusitana historica critica e chronologica« (Lissab. 1741–52, 4 Bde.); die »Bibliotheca historica de Portugal« von J. C. Pinto de Sousa (das. 1801); die »Bibliographia historica Portugueza« von J. C. de Figaniere (das. 1850); die »Memorias da litteratura portugueza« (das. 1792–1812, 8 Bde.); das »Diccionario bibliographico portuguez« von Innocencio Francisco da Silva (das. 1858–70, 9 Bde., fortgesetzt von Brito Aranha, 1883–1906, Bd. 10–19); Domingo Garcia Peres, Catalogo razonado biografico y bibliografico de los autores portugueses que escribieronen castellano (Madr. 1890). Als sonstige literarhistorische Hilfsmittel zum Studium sind zu nennen: F. Denis, Résumé de l'histoire littéraire du Portugal (Par. 1826); F. Freire de Carvalho, Ensaio sobrea historia litteraria de Portugal (1845); Costa e Silva, Ensaio biografico critico sobre os melhores poetas portuguezes (Lissab. 1850–55, 10 Bde.); J. C. Fernandes Pinheiro, Resumo de historia litteraria (Rio 1870); Ferd. Wolf, Studien zur Geschichte der spanischen und portugiesischen Literatur (Berl. 1859); Pereira de Silva, La littérature portugaise (Par. 1866); Reis, Curso de litteratura portugueza e brazileira (Maranhão 1869, 4 Bde.); Andrade Ferreira und Castello-Branco, Curso de litteratura portugueza (Lissab. 1875–76). Das Hauptwerk aber über die Nationalliteratur der Portugiesen ist die (unfertige) »Historia da litteratura portugueza« (Porto 1870–81, 15 Bde.) von Theophilo Braga (2. veränderte Auflage in 32 Bdn. im Erscheinen seit 1896; bis jetzt 3 Bde.), der auch einen »Manual da historia da litteratura portugueza« (das. 1875), in neuer Auflage als »Curso de historia da litteratura portugueza« (Lissab. 1886) und über das 19. Jahrh. das Werk: »Modernas ideias na litteratura portugueza« (das. 1892, 2 Bde.) veröffentlicht hat; vgl. auch M. Formont, Mouvement littéraireen Portugal (Par. 1892) und die kurze, doch inhaltreiche wissenschaftliche Übersicht über die Entwickelung der Literatur von C. M. de Vasconcellos in Gröbers »Grundriß der romanischen Philologie« (Straßb. 1892); einen populären Abriß gab Reinhardstöttner in der »Sammlung Göschen« (Leipz. 1904). Unter dem Titel »Parnaso lusitano« (Par. 1826–34, 6 Bde.) gab Almeida-Garrett eine poetische Mustersammlung heraus (mit wertvoller historisch-kritischer Literaturübersicht). Weitere Blumenlesen liegen vor von Th. Braga, »Parnaso portuguez moderno« (Lissab. 1877) und »Antologia portugueza« (das. 1876); in deutscher Übersetzung von Wilhelm Storck: »Aus Portugal und Brasilien« (Münst. 1892).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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